Vererbtes Trauma: Wie man es loswerden kann

Vererbte Familienmuster können das eigene Leben stark belasten. ► Drei Bücher wollen zeigen, wie man sich von ihnen befreien kann.

Mit dem Kirschduft kommt die Angst. Mäuse, die einen Stromstoß bekommen, während sie Kirschduft riechen, entwickeln Angst vor dem süßen Geruch – und geben diese Angst an ihren Nachwuchs weiter. Auch dieser reagiert mit Furcht auf Kirschen, obwohl er den Stromstößen nie ausgesetzt war. Was für die kleinen Nager gilt, scheint hier auch für Menschen zu gelten: Angst und Trauma sind vererbbar. Bislang erforscht sind die transgenerationalen Traumata bei Überlebenden des Holocaust und ihren Nachkommen. Aber von traumatischen Erfahrungen der vorherigen Generationen kann jede und jeder betroffen sein.

"Sie suchen uns wie Geister heim"

„Emotionales Erbe handelt von stillgelegten Erfahrungen, die nicht nur wir selbst, sondern auch unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern gemacht haben, und davon, wie sie unser Leben beeinflussen“, schreibt die Psychoanalytikerin Galit Atlas. „Genau diese verborgenen Mechanismen beeinträchtigen unsere mentale und physische Gesundheit und führen zu einer Diskrepanz zwischen dem, was wir erreichen wollen, und dem, was wir erreichen können – sie suchen uns wie Geister heim.“

Atlas’ Buch Emotionales Erbe bietet wertvolle Einblicke in die transgenerationalen Traumata und ihre Behandlung. Dafür verwebt die Psychoanalytikerin Individualfälle aus ihrer Praxis mit den Erfahrungen ihrer eigenen Familie. Die Autorin stellt sich dem Rassismus und der Armut, mit denen ihre Eltern zu kämpfen hatten. „Wie viele andere Familien kam auch unsere unausgesprochen überein, dass Schweigen die beste Möglichkeit sei, alles Unangenehme zu tilgen“, so Atlas.

Ihr Buch ist tiefgründig und reflektiert, zeichnet sich jedoch durch leichte, gar elegante Sprache aus. Die Autorin erklärt wissenschaftliche Grundlagen und Behandlungsoptionen, verzichtet jedoch auf lange Fachdiskussionen. Das macht ihr Werk besonders empfehlenswert für all jene, die kaum etwas über transgenerationale Traumata wissen und eine Einführung in dieses Thema suchen.

Aber auch jene, die schon länger mit traumatischem Erbe ringen, können zu Atlas’ Buch greifen. Denn in dieser Lektüre arbeiten sich primär Frauen durch ihre schmerzhaften Familienbiografien – und erweisen anderen damit einen wertvollen Dienst: Sie zeigen, dass es möglich ist, Jahrzehnte von totgeschwie­genem Schmerz aufzugreifen und hinter sich zu lassen. Für Betroffene ist Atlas’ Buch so wertvoll, weil es Mut macht.

Trauma schaltet Gene ein und aus

Ihnen könnte auch Vererbtes Schicksal von Sabine Lück zusagen. Die Autorin verfügt über einen beachtlichen Wissensschatz. Besonders interessant liest sich das zweite Kapitel über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum transgenerationalen Trauma: Einige Forscherinnen und Forscher vermuten, dass ein Trauma bestimmte Gene eines Menschen ein- oder ausschalten kann, die dann in diesem Zustand an nächste Generationen weitergegeben werden.

Diese Forschenden glauben, aus evolutionärer Sicht mache das Sinn: Epigenetische Veränderungen könnten den Nachwuchs auf die Umwelt vorbereiten, in der sich bereits seine Eltern und Großeltern behaupten mussten – und den Nachfahren damit das Leben erleichtern. Beim vererbten Trauma, so die Theoríe, scheint das Gegenteil zu passieren. Allerdings gibt es bislang zu wenige Studien, die diese These untermauern.

Auf knapp 370 Seiten verwebt Lück ihr Fachwissen mit zahlreichen Übungen, Orientierungsfragen, Illustrationen und Individualfällen wie dem von Lea, die mit zwölf Jahren zu essen aufhörte. In ihren Übungen arbeitet die Autorin mit einer Kombination aus Meditation, Selbstfursorge, Lachyoga und vielem mehr. Kurzum: Die Autorin bietet sehr viel – womöglich zu viel. Jene, die sich zum ersten Mal tiefgehend mit ihrer Vergangenheit befassen wollen, könnten sich von Lücks Buch überfordert fühlen. Es empfiehlt sich eher jenen, die bereits therapeutisch begleitet werden und nun den potenziellen Einflüssen des transgenerationalen Traumas weiter nachspüren möchten.

Muster des Familiensystems verstehen

Während Atlas’ Buch eine wertvolle Einführung für Laien darstellt und Lücks Lektüre einer erfahreneren Leserschaft weiterhilft, scheint das Buch von Judy Wilkins-Smith weder das Richtige für die einen noch die anderen zu sein. Das liegt auch an den übertriebenen Verallgemeinerungen und Versprechen der Autorin. „Sie werden ganz bestimmt mit großem Erstaunen und grenzenloser Freude die Möglichkeiten entdecken, die auf Sie warten – wenn Sie erst diese Muster in Ihrem Familiensystem verstehen“, verspricht sie in Vererbte Gefühle.

Im Optimismus der Autorin spiegelt sich ihr beruflicher Hintergrund als Coachin, eine professionelle psychotherapeutische Ausbildung hat sie nicht. Ein Teil von Wilkins-Smiths Ausbildung geht auf das Bert Hellinger Institut und die Hellinger Sciencia GmbH & Co. KG zurück. Der verstorbene Bert Hellinger war auf dem Gebiet der Familienaufstellung tä­tig und verfasste hierzu Bücher, wurde jedoch stark kritisiert, auch weil seine Arbeit einer wissenschaftlichen Grund­lage entbehrte. So gilt bei Wilkins-Smiths Buch: mit Vorsicht genießen.

Galit Atlas: Emotionales Erbe. Eine Therapeutin, ihre Fälle und die Überwindung familiärer Traumata. Aus dem Englischen von Monika Köpfer. DuMont 2023, 256 S., € 24,–

Sabine Lück: Vererbtes Schicksal. Wie wir belastende Familienmuster überwinden und unser wahres Potenzial befreien. Das große Praxisprogramm. Kailash 2023, 368 S., € 22,–

Judy Wilkins-Smith: Vererbte Gefuhle. Wie alte Familienmuster unser Leben beeinflussen und wir uns davon befreien. Aus dem Amerikanischen von Ursula Bischoff. Kösel 2023, 336 S., € 24,–

Artikel zum Thema
Leben
Die Epigenetik erfährt gerade einen wissenschaftlichen Hype. Doch wird sie ihrem Anspruch gerecht?
Familie
Traumata hinterlassen Narben in der Seele der Betroffenen – und bei ihren Kindern. Wie kann transgenerationale Weitergabe plausibel erklärt werden?
Familie
Du wirst Ärztin, du sorgst für uns, über diese Dinge reden wir nicht: Elterliche Erwartungen prägen uns. Wie wir uns aus Familienmustern befreien.
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2023: Das ewig hilfreiche Kind
Anzeige
Psychologie Heute Compact 75: Selbstfürsorge