„Sinn ist nicht gleich Glück“

Woraus speist sich der Lebenssinn der Deutschen? Die Persönlichkeitspsychologin Tatjana Schnell hat auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet.

Eine Frau steht im grünen Kleid am Meer mit den Füßen im Wasser und hält dabei einen alten Reisekoffer in den Händen, der schon viele Aufkleber hat
Man wird sein Leben als umso sinnstiftender erfahren, je stärker man es in einen das Ich überschreitenden, übergeordneten Zusammenhang einbetten kann und Verantwortung übernimmt. © Madelyn Mulvaney/Getty Images

Psychologie Heute Wie würden Sie den Menschen charakterisieren, der wirklich sinnvoll und sinnerfüllt lebt?

Tatjana SCHNELL Unsere Daten sind deutlich: Man wird sein Leben als umso sinnstiftender erfahren, je stärker man es in einen das Ich überschreitenden, übergeordneten Zusammenhang einbetten kann und Verantwortung übernimmt. Am sinnproduktivsten ist dabei die Generativität, die wichtigste Sinnquelle überhaupt: etwas von bleibendem Wert tun oder schaffen, seine Erfahrungen, sein Wissen und Können weitergeben, sich den kommenden Generationen und der Menschheit im Allgemeinen verpflichtet fühlen – und entsprechend handeln. Deshalb sind auch Ehrenämter so sinnstiftend.

PH Könnten Sie eine ganz konkrete Anleitung zum sinnvollen Leben formulieren?

SCHNELL Sicher keine „Checkliste“, aber man kann sich an den vier für die Psychologie des Lebenssinnes wesentlich sinngebenden Merkmalen orientieren: Bedeutsamkeit, Richtung und Orientierung, Zugehörigkeit sowie Stimmigkeit. So muss die Art und Weise, wie wir handeln, für uns – und vor allem auch für andere – bedeutungsvoll sein: „Was ich tue, ist mir wirklich wichtig.“ Wir brauchen zudem eine klare Orientierung, einen Sinnkompass, der uns zeigt, wohin die Reise im Leben gehen soll – und wohin nicht. Wichtig ist auch die Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen, das sinnstiftende Wir-Gefühl des Menschen als Sozialwesen: in Familie, im Freundeskreis, in der Gruppe mit Arbeitskollegen oder Gleichgesinnten. Deshalb tragen auch die Selbstverwirklichungswerte und das Streben nach ausgeprägter Individualität auffallend wenig zur Sinnerfüllung bei. Das vierte Sinnkriterium schließlich ist die Kohärenz unseres Handelns: Passt das, was ich tue, wirklich zusammen? Stimmt es in den unterschiedlichen Bereichen mit meinen fundamentalen Lebenszielen und -werten überein? Es geht darum, sich treu zu bleiben – was auch heißen kann, sich bestimmten Praktiken zu verweigern. Das bedeutet auch: Position beziehen, uns engagieren, leidenschaftlich für das eintreten, was uns wichtig ist, oder für das offen einzutreten, was man für richtig hält. Bei alledem sind Ausgewogenheit und Vielfalt wichtig, das heißt: sich für verschiedene Dinge einsetzen, nicht nur für sich selbst, aber auch nicht nur für andere.

PH Warum sind Glück und Sinnerfüllung psychologisch unterschiedliche Phänomene?

SCHNELL Der wichtigste Unterschied ist, dass bei der Sinnerfüllung das Wohlbefinden – also das Empfinden möglichst vieler positiver Gefühle – nicht die Hauptrolle spielt. Beim Sinn geht es darum,…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2014: Konzentration
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