Von den toxischen Eltern lösen

Negative Erfahrungen mit den Eltern prägen ein Leben lang. Wie man aktiv wird und aus dem toxischen Bindungsmuster aussteigt, zeigt Annika Felber.

Wer in der Kindheit gelernt hat, sich stets anzupassen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um auf die kleine Schwester aufzupassen oder der bedürftigen Mutter zu helfen, hat womöglich diese Verhaltensmuster verinnerlicht, ohne es bewusst zu merken. So leiden Betroffene oft unter Dauerstress und entwickeln einen unsicheren Bindungsstil. Manche können sich nur schlecht entscheiden und sind regelrecht zerrissen zwischen den Wünschen des Partners oder der Partnerin und eines anderen Familienmitglieds.

Doch wann kann man tatsächlich von „Missbrauch“ reden? Und zählt seelischer Druck in der Familie auch dazu? Antworten auf solche Fragen liefert das neue Buch von Annika Felber mit dem Titel Wenn die Familie nicht guttut. Darin stellt die Pädagogin gesunde und ungesunde Bindungen vor und erklärt, wie man toxische Beziehungen erkennen und sich daraus lösen kann. Als toxisch definiert Felber Familienbeziehungen, in denen Eltern ihren Kindern körperliches oder seelisches Leid zufügen und sie für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren.

Die Autorin führt in die verschiedenen Formen von sexuellem, körperlichem und psychischem Missbrauch ein und stellt Fälle emotionaler Gewalt in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung. Die Lektüre ist lehrreich für Menschen, die sich mit ihren eigenen Familien- und Kindheitserfahrungen auseinandersetzen möchten. Besonders hervorzuheben sind die Fragen und Übungen am Ende eines Kapitels, die zum Reflektieren anregen.

"Ich werde nur geliebt, wenn ich mich kümmere."

Nach toxischen Kindheitserfahrungen entwickeln Betroffene oft falsche Glaubenssätze wie: „Ich werde nur geliebt, wenn ich eine Leistung erbringe“, oder: „Ich werde nur geliebt, wenn ich mich kümmere.“ Erwartungshaltungen der Eltern werden nicht mit dem 18. Lebensjahr abgelegt, sondern bleiben auch im Erwachsenenalter bestehen. Dabei führen Kinder, die keine Kinder sein durften, weil sie etwa kleinere Geschwister versorgen mussten, ihre Parentifizierung auch in späteren Beziehungen fort. Dies wirkt sich etwa so aus, dass Partner oft bemuttert werden und es den Betroffenen schwerfällt, Verantwortung abzugeben.

Wer als Kind die Bedürfnisse der Eltern und Geschwister mehr wahrgenommen und befriedigt hat als seine eigenen, dem fällt es auch im Erwachsenenalter oft schwer, eigene Wünsche und Träume zu verwirklichen. Dabei werden Probleme bagatellisiert und toxische Eltern in Schutz genommen, oft plagt die Betroffenen zudem auch ein schlechtes Gewissen.

Bei der Aufarbeitung der Probleme empfiehlt Felber, weniger um die Frage zu kreisen, ob Mutter, Vater oder Geschwister toxisch sind, sondern stattdessen lieber den eigenen Gedanken und Gefühlen nachzuspüren. Warum darf ich an meiner Situation nichts verändern? Was brauche ich, um es zu dürfen? Wer möchte ich lieber sein? Solche Fragen würden helfen, die Selbstwahrnehmung zu stärken und die eigenen Bedürfnisse zu erkennen.

Annika Felber: Wenn die Familie nicht guttut. Toxische Beziehungen erkennen und lösen. Junfermann 2023, 192 S., € 26,-

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2024: Meine perfekt versteckte Depression
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