Wann ist es Zeit, das innere Kind in Ruhe zu lassen?

Die Beschäftigung mit dem inneren Kind gilt als Königsweg der Heilung. Psychotherapeutin Gitta Jacob erklärt, wann das zu viel werden kann.

Die Illustration zeigt die Psychologische Psychotheraeutin und Supervisorin für Verhaltens- und Schematherapie, Gitta Jacob
Gitta Jacob ist Psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin für Verhaltenstherapie und Schematherapie. © Jan Rieckhoff für Psychologie Heute

Frau Jacob, in Ihrem neuen Buch beschreiben Sie ein Phänomen, das Sie immer häufiger beobachten: „das Festhängen am inneren Kind oder an schwierigen Gefühlen“. Das in den letzten Jahren – auch in Ihrem eigenen Buch Raus aus Schema F – propagierte Aufarbeiten biografischer Ereignisse ist demnach nicht der Königsweg?

Ich denke, das kann ein guter Weg sein, wenn es einem sehr schwerfällt, eigene Bedürfnisse zuzulassen, etwa weil man sich dafür schuldig fühlt oder das Gefühl hat, es nicht wert zu sein. Und wenn man sich bisher noch nicht damit befasst hat, warum das so ist und was da vielleicht dahintersteckt.

Aber: Vor 100 Jahren war es ein ganz unerhörter Gedanke, dass Sexualität und andere Bedürfnisse und Gefühle enttabuisiert werden. Heute haben wir Psychologie schon in der Schule, viele Menschen analysieren sich und ihr Umfeld andauernd und Psychotherapie gehört in manchen Gruppen regelrecht zum Lifestyle. Das führt aber irgendwann nicht mehr weiter. Denn die reine Selbstbeschau um ihrer selbst willen dreht sich irgendwann im Kreis. Wenn ich nur intensiv genug nach innen lausche, finde ich alles Mögliche und ganz sicher mit etwas Geduld auch ein negatives Gefühl. Und wenn ich diesem Gefühl viel Aufmerksamkeit schenke, wird es stärker.

Das können Sie ganz leicht ausprobieren – konzentrieren Sie sich einmal kurz auf einen Moment, in dem Sie sich gestern schlecht gefühlt haben, vertiefen Sie das Gefühl und überlegen Sie, was es mit allen negativen Erlebnissen in Ihrem Leben zu tun hat… Sie landen ganz flott in einem emotionalen Sumpf, in dem man es sich auch manchmal ganz gemütlich machen kann. Aber das Leben bietet doch so viel mehr als solche Sümpfe! Sie können sich genauso auf Positives fokussieren, ihre Leidenschaften verfolgen und sich für Ihre Arbeit engagieren – und sich damit nachhaltig gut und zufrieden fühlen.

Wann ist eine Innenschau angemessen und wann wird es zu viel mit der Auseinandersetzung mit dem inneren Kind und den negativen Gefühlen?

Die Innenschau ist dann gut, wenn es emotionale Gründe gibt, warum ich wichtige Schritte im Leben nicht gehe, obwohl ich eigentlich das Zeug dazu hätte und die Zeit dafür reif ist. Dann ist es sinnvoll zu prüfen, ob meine Biografie mir diese seelischen Hürden baut. Aber immer mit dem Ziel, sie zu überwinden und die richtigen Schritte dann auch zu tun! Wenn so ein Ziel aus dem Auge verloren wird oder wenn mir die Innenschau nicht hilft, ihm näherzukommen, dann kann ich sie auch bleibenlassen.

Wie schaffen wir es, den Fokus wieder mehr auf das zu richten, was wir erreichen wollen, und uns raus in unser Leben zu wagen?

Indem wir uns überlegen, was uns eigentlich für die Gegenwart und die Zukunft wichtig ist, und uns darauf konzentrieren. Das kann auch mal heißen, die Komfortzone zu verlassen oder Ängste zu überwinden. Wenn ich weiß, wofür ich das tue und welche Werte ich damit verfolge, dann kann ich das auch besser schaffen! Und indem wir danach Ausschau halten, was sich gut anfühlt, was positiv ist und wie wir unsere Bedürfnisse im Hier und Jetzt erfüllen können.

Welchen Satz könnte man denn dem inneren Kind nach ausreichender Auseinandersetzung zurufen?

Geh spielen, mein Schatz, hab Spaß!

Dr. Gitta Jacob ist Psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin für Verhaltenstherapie und Schematherapie. Nach langjähriger Tätigkeit an der Uniklinik und Universität in Freiburg ist sie seit 2013 leitende Psychotherapeutin bei GAIA in Hamburg.

Gitta Jacobs Buch Leben geht nur vorwärts. Wann es Zeit ist, das innere Kind in Ruhe zulassen und durchzustarten ist bei Beltz erschienen (208 S., € 20,–)

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2024: Glückliche Stunde gesucht
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