Wie mit schwierigen Kollegen zurechtkommen?

Psychologie nach Zahlen: Sieben Kniffe, um im Büro mit Manipulateurinnen, Cholerikern und anderen schwierigen Charakteren auszukommen.

Ein Mann sitzt an seinem Büroarbeitsplatz und lächelt zufrieden während hinter ihm Mitarbeiter sitzen, als Hexe und Dämon und frustriert sind
Unliebsame Kollegen können uns nach Feierabend enorm belasten und den Schlaf rauben. © Till Hafenbrak für Psychologie Heute

Ein stets miesgelaunter Büronachbar, eine höchst cholerische Chefin, die manipulative Kollegin: Mit wem man es am Arbeitsplatz zu tun hat, kann man sich meist nicht aussuchen. Und so ist die Situation im Berufsumfeld oft derart belastend, dass die neuesten Vorkommnisse einen bis in den Feierabend verfolgen – oder einem sogar den Schlaf rauben. Ein paar Kniffe helfen aber dabei, auch mit unliebsamen Kolleginnen und Kollegen zurechtzukommen. Um die eigenen Nerven zu schonen und damit die Freude an der Arbeit nicht verlorengeht, empfiehlt sich zum Beispiel:

1. Bei sich bleiben

Wir können andere Menschen nicht so einfach verändern. Es ist leichter, selbst etwas anders zu machen und damit vielleicht auch bei unseren Mitmenschen ein neues Verhalten anzuregen. Ein Beispiel: Wer täglich von einem Kollegen 15 E-Mails mit unterschiedlichen, meist unnötigen Anfragen erhält, sollte nicht auf jede einzelne antworten, sondern später am Tag geballt und dann nur auf wirklich wichtige Aspekte eingehen. Die Chancen stehen gut, dass Ihr Kollege beginnt, seine Anfragen zu bündeln und zu gewichten.

2. Eigene Verzerrungen erkennen

Wir alle neigen zu verzerrten Wahrnehmungen, erst recht wenn die Situation schon aufgeladen ist. Seine eigenen Wahrnehmungsfehler zu kennen kann manchem Konflikt vorbeugen. Zwei Verzerrungen sind typisch. Nummer eins: Wir umgeben uns am liebsten mit Menschen, die gleiche Ansichten teilen und in einer ähnlichen Lebenssituation sind. Die Folge: Wer außerhalb dieser Blase agiert, wird von uns schnell kritisch beäugt. Wir wollen mit einer solchen Person, die uns eher fremd ist, von vornherein nicht so gern zusammenarbeiten.

Verzerrung Nummer zwei: Haben wir jemand beispielsweise als sehr unhöflich abgestempelt, nehmen wir jegliches Verhalten dieses Menschen genau mit dieser Prämisse unter die Lupe und fühlen uns nur allzu oft bestätigt. Unsere Voreingenommenheit wird dann schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, denn wir haben die Tendenz, alles, was die betreffende Person sagt oder tut, so zu werten, wie es in unsere bisherige Sicht auf die Dinge passt. Dadurch sehen wir zum Beispiel kalte Herablassung, wo andere nur professionelle Sachlichkeit sehen würden.

3. Perspektiven wechseln

Viele Missverständnisse entstehen, weil wir davon ausgehen, dass unser Gegenüber die Sachlage doch genauso sehen sollte wie wir selbst. Dabei gibt es in jedem einzelnen Moment unzählige Blickwinkel auf das Geschehen. Wie wir die Welt sehen, ist von unzähligen Faktoren abhängig, wie etwa unserem Alter, dem Geschlecht, der Persönlichkeit, der Berufserfahrung, der Position in der Firma oder auch vom täglichen Stresslevel. Es hilft daher, den eigenen Fokus stets zu hinterfragen – und zu akzeptieren, dass jemand anderes einen vermeintlich objektiven Umstand gänzlich abweichend beurteilt. Ab und zu mal den Blickwinkel einer anderen Person einzunehmen – oder es zumindest zu versuchen – kann schon einen Konflikt lösen oder zumindest den Weg zu einem Kompromiss ebnen.

4. Den Feierabend leben

Wenn am Arbeitsplatz emotionales Chaos herrscht, ist es wichtig, in der Freizeit die Zügel in die Hand zu nehmen. Die Kontrolle über Dinge im Privatleben zu haben gleicht das Gefühl von Machtlosigkeit im konfliktreichen Arbeitsalltag aus. Den Abend sowie die Wochenenden so zu gestalten, wie sie einem guttun, ist dann essenziell. Ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung, Sport und Bewegung zum Ausgleich, viel draußen sein, Freundinnen und Freunde treffen: Selbstfürsorge kann ein Bollwerk gegen zwischenmenschlichen Stress im Job sein.

5. Sich Luft machen

Während es wenig ratsam ist, am Arbeitsplatz über Zimmerpartnerinnen oder Führungskräfte zu lästern, kann es dennoch der Psychohygiene zugutekommen, einen Konflikt mit einer außenstehenden Person zu besprechen. Das senkt den Stresslevel. Geeignet sind dafür Menschen, denen man vertraut. Alternativ lässt sich auch in einem Tagebuch Dampf ablassen. Nur fünf Minuten, dann das Buch zuklappen und den akuten Frust damit beiseitelegen. In schwerer wiegenden Fällen kann es aber auch nötig sein, jemand aus der Führungsetage, aus dem Betriebsrat oder aus einer Ombudsstelle einzubeziehen, um in dem Konflikt zu vermitteln und zu helfen.

An wen man damit herantritt, ist gut zu überlegen: Wer kann einem dabei helfen, wer ist bereit, etwas zu tun? Auch der Schritt selbst sollte gut vorbereitet, die Streitsituationen ausreichend dokumentiert sein. Empfehlenswert ist zudem, in dem Gespräch zu verdeutlichen, dass das Ziel der Initiative ist, die Zusammenarbeit mit der anderen Person zu verbessern, nicht sich über sie zu beschweren oder sie vor den Vorgesetzten oder den Kolleginnen und Kollegen anzuschwärzen.

6. Grenzen setzen

Ein wichtiger Selbstschutz ist, Grenzen zu setzen. Regt einen die Interaktion mit einer Mitarbeiterin zu sehr auf, kann es schon entlasten, die Zusammenarbeit so weit wie möglich zu reduzieren und die Kommunikation auf das Allerwichtigste zu begrenzen. Gibt es stets Probleme mit einem bestimmten Kunden, dann lohnt es sich vielleicht, darum zu bitten, diesen an jemand anders abgeben zu können. Manchmal ist man im Haus aufeinander angewiesen, doch die Konflikte sind trotz verschiedener Lösungsversuche zu zahlreich. In diesem Fall hilft vielleicht nur noch ein Teamwechsel.

7. Die Reißleine ziehen

Manchmal kann eine belastende Konstellation am Arbeitsplatz so sehr aufrühren, dass sie einen auch nach Arbeitsschluss und über Tage und Wochen hinweg nicht loslässt. „Es geschieht schnell, dass man sich von einem Konflikt mit einer Kollegin, einem Kollegen mitreißen lässt und seine Zeit damit verbringt, nur noch daran zu denken“, sagt die Coachin Amy Gallo. Sie rät, bei all dem Tohuwabohu nicht den Fokus auf sich selbst, seine Gesundheit und auch seine Karriere zu verlieren.

Das bedeutet auch: Bringen all die Kniffe nichts, laufen Aussprachen und Veränderungsversuche ins Leere, sind sämtliche Optionen ausgeschöpft und ist man selbst total erschöpft von den Reibereien im Job, die längst das ganze Leben überschatten, gilt es, die Reißleine zu ziehen. Dann könnte die Kündigung ein radikaler, aber auch letzter möglicher Weg sein.

Quelle

Amy Gallo: Getting Along. How to Work with Any­one (Even Difficult People). Harvard Business ­Review Press, Boston 2022

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2023: Bei sich ankommen
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