Toxische Beziehung

Wenn der Partner sich immer öfter abwertend verhält, stellt sich die Frage, wie man Liebe wieder ins Gleichgewicht bringt – oder hinter sich lässt.

Die Illustration zeigt eine Frau und ein Mann, die sich im Swimmingpool gegenüber sitzen, dazwischen schlägt das Wasser hohe Wellen
Irgendwann kommt die Frage auf, ob man sich noch entspannen kann oder die Wellen zu hoch schlagen. © Stephan Schmitz

Im ersten Jahr war Anja Buchner* mit David glücklich. Nicht nur weil der neue Freund klug, unterhaltsam und gutaussehend war, er überschüttete die 34-jährige Lehrerin auch mit Komplimenten und Zärtlichkeit. Die Chemie stimmte. Bald zog das Paar zusammen.

Doch im zweiten Jahr änderte sich vieles. David schien sich häufig rarzumachen, der Wirtschaftsanwalt arbeitete oft bis in die Nacht. Buchner verbrachte die meisten Abende und oft auch halbe Nächte allein in der gemeinsamen Wohnung. Und wenn das Paar eingeladen war, flirtete David häufig in Anjas Beisein mit anderen Frauen. Wenn sie ihn später darauf ansprach, warf David ihr vor, sie sei eine paranoide Klette und grundlos eifersüchtig.

Verunsichert hielt Anja Buchner sich nun mit Kritik zurück, fühlte sich aber immer deprimierter. David zeigte sich ganz offen desinteressiert, manchmal schwieg er nach einer kleinen Meinungsverschiedenheit tagelang, manchmal nannte er seine Partnerin nervig oder unfähig. Anja kamen grundsätzliche Zweifel: Kann es richtig sein, mit einem Mann zusammen zu sein, der einem so oft das Gefühl gibt, alles falsch zu machen?

Andererseits wollte sie nicht aufgeben: Vielleicht ließe sich ja für die bestehenden Konflikte eine Lösung finden. Anja Buchners beste Freundin war mit einem Urteil schnell bei der Hand: „Der Mann saugt dich aus, ist ein Narzisst, das ist ja schon toxisch.“ Anja überlegte ab da, ob David ein destruktiver Mensch sei, der ihr absichtlich schade.

Bevor Menschen versuchen auszuloten, ob der Part­ner, mit dem sie zusammenleben, sie vorsätzlich quält, ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es in jeder Beziehung alltägliche Bosheiten gibt und sogar längere Phasen, in denen beide Partner einander unfair oder lieblos behandeln. Der amerikanische Paartherapeut David Schnarch nennt solches Verhalten den „normalen ehelichen Sadismus“.

Der normale eheliche Sadismus

„Dass Partner nicht nur nett und freundlich zueinander sind, gehört dazu“, sagt auch der Paar- und Sexualtherapeut Ulrich Clement aus Heidelberg. Solange Sticheleien, Schuldzuweisungen und Häme nur einen kleinen Teil der Beziehung ausmachten, sei das kein Anlass für Grundsatzdiskussionen, man dürfe Gemeinheiten souverän überhören oder mit einem ironischen Kommentar kontern.

Darüber hinaus empfiehlt etwa der amerikanische Beziehungsforscher John Gottman, dem Partner eine gewisse Grundfreundlichkeit zu unterstellen: Es sei erst mal nicht so, dass jemand, mit dem man zusammen sei, einen absichtlich unverschämt behandle oder einem gar systematisch Schaden zufügen wolle.

Doch in manchen Beziehungen gibt es irgendwann einen Kipppunkt, an dem die alltäglichen Bosheiten massiver werden, Distanz und destruktive Streitigkeiten zunehmen. Wenn Beziehungen wie im Fall von Anja Buchner nicht mehr guttun, einer der Partner sich durch die Liebe nicht mehr gestärkt, sondern infrage gestellt fühlt, verändern Menschen ihre Einstellung: Sie verlieren das Vertrauen und fangen an, den anderen kritisch zu sehen – oder betrachten ihn sogar als einen klinischen Fall.

Dann mutmaßen Betroffene und ihre Freunde gemeinsam, ob eine toxische Beziehung besteht, der Partner ein Narzisst oder ein Psychopath sein könnte, mit dem es ohnehin keiner aushält.

Herzprobleme

Der populärpsychologische Begriff der toxischen Beziehung hatte in den letzten Jahren weltweit Konjunktur und bezeichnet Verbindungen, die mehr Kraft kosten als Kraft geben und in denen Kränkung, Kontrollsucht, Egoismus, Ignoranz und Beleidigungen eine große Rolle spielen. Studien des University College London zufolge kann eine solche destruktive Stimmung in Beziehungen langfristig auch körperlich schaden und dazu führen, dass Partner psychosomatische Beschwerden entwickeln, beispielsweise Herzprobleme.

Im Begriff „toxische Beziehung“ schwingt also immer eine Warnung mit. Er bezeichnet Beziehungen, die man im Zweifel lieber auflöst, weil der Partner einem eine giftige Liebe zukommen lässt. Die dramatische Beschreibung passt auf Beziehungen, in denen strafrechtlich relevantes Verhalten wie Gewalt, Missbrauch, Stalking und Betrug eine Rolle spielen. Gerät man in eine Partnerschaft, die in eine solche Richtung geht, ist es tatsächlich wichtig, sich klar abzugrenzen, sich Hilfe zu holen, sich zu trennen.

Psychotherapeuten und Paartherapeuten gehen allerdings davon aus, dass in 90 Prozent aller Beziehungskrisen das Label „toxische Beziehung“ mehr Nachteile als Vorteile bietet. In einem ersten Schritt kann es für jemanden, der sich gerade in der Partnerschaft nicht wohlfühlt, durchaus hilfreich sein, durch die alarmierende Beschreibung darauf gestoßen zu werden, dass bestimmte Beziehungsmuster dysfunktional sind.

Auf der anderen Seite sind unterstellende Diagnosen, zementierte Täter-Opfer-Zuschreibungen und Schuldzuweisungen in der Liebe eher kontraproduktiv. Solange man sich noch nicht trennen, sondern verstehen will, was für eine ungute Dynamik sich in eine gute Beziehung eingeschlichen hat, bietet es sich an, möglichst offen zu schauen, warum der andere so destruktiv auftritt. Die Bezeichnung „toxisch“ spitzt aufkeimende Beziehungskonflikte dann unnötig zu.

Laiendiagnosen

„Um als betroffene Person einschätzen zu können, was in der Beziehung schiefläuft, ist vorschnelles Diagnostizieren nicht sehr konstruktiv“, sagt auch die Psychotherapeutin und Paartherapeutin Aline Vater, die an der FU Berlin über Narzissmus promoviert hat.

In ihrer Praxis erlebt sie häufiger, dass Menschen, die in Beziehungskrisen stecken, problematische Züge des Partners – wie Schweigen, abwertendes Verhalten, mangelndes Interesse – sofort als krankhaften Narzissmus oder emotionale Manipulation bewerten und den Partner damit als latent beziehungsunfähig abstempeln.

Dieser Ansatz habe Tücken. „Zum einen ist es schlicht so, dass Laien oft falsche Diagnosen stellen“, sagt Aline Vater. So könne es etwa sein, dass bei einem Partner ein einfaches Defizit in der Kommunikationsfähigkeit besteht, er sich im Streit an die Wand gedrückt fühlt und deshalb schweigt. Ihn dann gleich als empathielosen Narzissten zu betrachten ist nicht nur falsch, man verschenkt damit auch die Chance, die Kommunikation in der Beziehung gemeinsam zu verändern und zu verbessern.

„Wer sich in einer Liebesbeziehung unwohl fühlt, sollte nicht grob verallgemeinern, sondern möglichst ganz konkret anschauen, welche Verhaltensweisen des anderen und welche Situationen dazu führen, dass man an der Beziehung zweifelt oder sich verletzt, abgewertet und geschwächt fühlt“, rät Aline Vater. Dann kann man mit dem Partner über die Situationen sprechen und deutlich machen, dass man solch ein Verhalten nicht duldet oder nicht versteht.

Nüchtern statt naiv

Der Psychiater und Bestsellerautor Raphael Bonelli bekräftigt diese Sichtweise: Sobald man merke, dass sich das Machtgefälle in einer Beziehung verschiebe, sei es wichtig, genauer hinzuschauen: „Registrieren Sie eigene Störgefühle, nehmen Sie diese ernst und versuchen Sie frühzeitig, darüber zu sprechen“, rät Bonelli.

In seiner Praxis hat er oft die Erfahrung gemacht, dass Menschen gerade zu Beginn von Partnerschaften unangenehme Gefühle wegdrücken und erstaunlich unkritisch bleiben. „Das hängt natürlich damit zusammen, dass viele einfach glücklich sein wollen und vom anderen etwas bekommen, das ihnen wichtig ist, wonach sie sich gesehnt haben.“

Dennoch sieht Bonelli für Menschen, die sich fest binden wollen, eine Art Selbstverpflichtung, gelegentlich nüchtern statt verliebt-naiv auf mögliche Ärgernisse oder Ungereimtheiten beim Partner zu schauen. „Viele Leute bemerken Probleme in Beziehungen erst, wenn schon längst eine empfindliche Schieflage entstanden ist“, sagt Bonelli.

Er denke da zum Beispiel an einen Patienten, der sich – ähnlich wie Anja Buchner – von seiner Partnerin schlecht behandelt fühlte. Diese schrieb tagsüber ständig SMS, blieb nachts weg, interessierte sich sexuell nicht mehr besonders für ihn.

Dass die Partnerin möglicherweise eine Affäre haben könnte, kam dem Mann nicht in den Sinn. Doch die Vermutung – die erst vom Therapeuten aufgebracht wurde – bestätigte sich: Die Partnerin hatte seit Monaten eine weitere Beziehung. Der betroffene Mann hatte den Betrug nicht wahrhaben wollen. Er verpasste damit die Möglichkeit, frühzeitig einzugreifen, seine eigene Position klarzumachen.

Die Beziehung kam nicht mehr auf die Beine. Bei Anja Buchner ist die Lage anders. Sie möchte klären, was los ist, weiß aber nicht, wie sie mit David ins Gespräch kommen soll. Dieser hatte in der Vergangenheit oft schroff abgeblockt, wenn es um „Problemgespräche“ ging.

Schiebetürmomente

„Ich bin ein Freund davon, den Partner zu prüfen und zu schauen, wie er oder sie reagiert, wenn man sachlich und klar sagt, was einen stört“, sagt auch Raphael Bonelli. Nicht allein um die Probleme inhaltlich auf den Tisch zu bringen. An der Art und Weise, wie ein Partner in schwierigen Situationen reagiert, könne man auch oft ablesen, ob er oder sie sich als belastbar, fair oder interessiert erweist.

„Solche Momente können eine Stunde der Wahrheit werden. Es ist etwa kein gutes Zeichen, wenn der Partner stets laut wird oder eisig schweigt, wenn man ein Problem anspricht. Oder wenn er jede Kritik rundheraus von sich weist und zur Tagesordnung übergeht“, sagt Bonelli. Hier offenbare sich dann tatsächlich ein destruktives, toxisches Muster: „Je nötiger es eine Person hat, zu glänzen und stark zu sein, desto mehr muss sie andere heruntermachen und abwerten. Das ist eine psychische Dynamik, die Beziehungen stark belastet. Es sei denn, der Betroffene übernimmt Verantwortung und arbeitet an diesem Verhalten.“

Anja Buchner hat versucht, mit David in einer ruhigen Minute sachlich zu sprechen, und hat ihm gesagt, dass sie es verletzend findet, wenn er permanent mit anderen Frauen flirtet, und schwierig, dass er tagelang schweigt, wenn er wegen irgendetwas sauer ist. David reagierte auf diese Einwände abwehrend. Er war der Ansicht, es sei vor allem Anjas Schuld, die ihm „keinen Raum zum Atmen“ lasse.

Dennoch beteuerte er, dass ihm die Beziehung mit ihr wichtig sei: „Zwischen uns beide kommt doch nichts.“ Und: „Es tut mir leid, wenn es dir gerade nicht gutgeht.“ Befriedigend fand Anja die Auseinandersetzung nicht. „Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er in einem entscheidenden Moment unnahbar blieb und das, was ich sagte, nicht ernst nahm“, sagt sie im Rückblick. Die Distanz in der Beziehung wurde durch dieses Gespräch größer.

Die kleinen Gesten

Dass sich die Qualität einer Partnerschaft besonders in kritischen Momenten entscheidet, davon ist Aline Vater überzeugt: „In jeder Beziehung gibt es sogenannte Schiebetürmomente. Ein Partner weint, der andere wendet sich ihm zu und fragt, was los ist, oder er ignoriert es. Ein Partner zeigt sich unsicher und der andere hilft oder er macht sich lustig. In solchen Situationen entscheidet sich, ob in der Beziehung eher das Vertrauen oder die Distanz wächst.“ In Paartherapien würden Schiebetürmomente häufig zum Übungsfeld, erzählt Aline Vater.

Sie behandelt in ihrer Praxis oft Menschen mit Interaktionsstörungen, die nie gelernt haben, auf andere emotional einzugehen – sie üben dann in den Sitzungen, wie man es in entscheidenden Momenten schaffen kann, dem anderen wenigstens ein kleines Signal zu geben, dass man ihn sieht.

Auch sehr zurückhaltende oder narzisstische Menschen spüren auf Dauer den qualitativen Unterschied: Sie machen die Erfahrung, dass der Partner auch auf kleine Gesten wie eine Berührung, eine tröstende oder ermutigende Bemerkung positiv reagiert. Vater hat in Therapieverläufen häufig eine Verbesserung der Kommunikation beobachtet, auch bei Partnern, die aufgrund der klinischen Diagnose durchaus schwierige Altlasten mitbrachten.

Ein neues Gleichgewicht finden

In dem geschützten Rahmen einer Paar- oder Psychotherapie scheint es häufig möglich, ungeschicktes Kommunikationsverhalten zu verändern. Wenn man einander ohne Hilfe von außen gegenübersteht, wird es schwieriger. Vor allem dann, wenn eine Beziehung sich schon beschädigt anfühlt, die Beziehungsdynamik sich so verschärft hat, dass eine Person beispielsweise dauernd auf Nähe pocht, die andere nur noch Distanz will.

Laut Ulrich Clement ist es vor allem angesichts von festgefahrenen Rollen in Liebesbeziehungen wichtig, den Blick auf die ganze Beziehung und deren Dynamik zu wagen, statt nur auf den anderen oder auf sich selbst zu schauen. „Das Beziehungssystem zu betrachten gibt dann mehr Antworten, als auf die einzelne Person zu gucken“, sagt er.

Wenn eine Frau wie Anja Buchner das Gefühl hat, ihr Partner sei zunehmend rücksichtslos und beleidigend, dann stellt sich laut Clement nicht primär die Frage „Warum ist er so rücksichtslos?“ oder „Was ist das für ein Mensch?“. Wichtiger sei, zu fragen: „Wie entsteht die rücksichtslose Dynamik zwischen uns?“ Oder: „Was tragen wir beide dazu bei, dass sich die Beziehung immer mehr in Richtung Abwertung entwickelt?“ So sieht man laut Clement beispielsweise oft, dass eine Person herablassend ist, die andere Person sich gegen die Abwertungen aber auch nicht wehrt oder sich zu sehr beeindrucken lässt.

Mechanismen aushebeln

Oder ein Partner distanziert sich stark, der andere verstärkt das Fluchtverhalten, indem er immer zudringlicher wird. „Wenn ein Partner beispielsweise mehr Nähe will als der andere, diese Wünsche aber auch immer wieder einfordert, kann der ohnehin distanziertere Partner seine eigenen Bedürfnisse nach Nähe nicht einmal mehr spüren“, sagt Clement.

Das heißt aber auch: Wenn starre Positionen entstehen, kann jeder Partner selbständig gegensteuern, indem er Verhaltensweisen verstärkt, die aus seiner festgefahrenen Rolle, zum Beispiel „der Nähesuchende“ zu sein, herausführen. Vielen Paaren gelingt es, solche Mechanismen auszuhebeln und ein neues Gleichgewicht zu finden.

In der Beziehung von Anja Buchner und David wäre es zum Beispiel ein Ansatzpunkt, dass Anja bewusst etwas weniger auf Nähe und gemeinsame Aktivitäten besteht, um dem Partner mehr Raum zu lassen. Manchmal kommen die festgefahrenen Muster so wieder in Bewegung.

Glanz und Anerkennung

Manche Paare schaffen es allerdings nicht, sich aus stereotypen Rollen zu befreien. Dann bleibt die eine Person über Monate oder Jahre unsicher und unterwürfig, die andere wird immer raumgreifender. Wenn eine destruktive Dynamik sich immer mehr zuspitzt, liegt eine sogenannte Kollusion vor. Der Begriff wurde vom Paartherapeuten Jürg Willi geprägt und bezeichnet ein ungutes Zusammenspiel von Partnern nach einem Schlüssel-Schloss-Prinzip, bei dem grundlegende Beziehungsbedürfnisse – zum Beispiel nach Nähe oder Distanz – arbeitsteilig delegiert werden. Die Partner verhalten sich dann wie Karikaturen: Einer ist Boss, der andere Diener, einer ist unnahbar, der andere läuft hinterher.

„Wenn Menschen derartige ungesunde Beziehungsmuster dauerhaft leben, dann fragt man sich als Außenstehender oft, wieso diese Paare zusammenbleiben“, sagt Raphael Bonelli. Man könne allerdings davon ausgehen, dass beide Partner auch etwas davon haben, in so einer Beziehung zu bleiben. Sie sind oft latent abhängig von einer bestimmten Funktion, die der andere für sie übernimmt.

Wer an einer Beziehung zu einem selbstverliebten, dominanten Partner festhält, profitiert vielleicht von dessen Durchsetzungsvermögen oder lässt sich gern Entscheidungen abnehmen. Wer mit einem distanzierten Partner lebt, dem ist es oft selbst ganz recht, dass in der Verbindung nicht zu viel Nähe entsteht.

Ein weiterer Grund, solche unguten Verhältnisse beizubehalten, kann damit zusammenhängen, dass man Kindheitsmuster wiederholt: So gibt es durchaus Fallberichte – zum Beispiel vom Pädagogen und Suchtexperten Heinz Peter Röhr –, die nahelegen, dass Personen, die immer abhängig von den Eltern geblieben sind und sich nie abgelöst haben, sich wiederum Partner suchen, die sie dominieren und bevormunden.

Sich selbst verloren

Anja Buchner ist heute der Ansicht, dass ihre Beziehung mit David mit solchen abhängigen Mustern begann: Sie mochte den neuen Mann nicht nur als Mensch, sondern auch weil er sie umschmeichelte und ihr das Gefühl gab, sie seien zusammen ein tolles, besonderes Paar. Dieser Glanz und die übermäßige Anerkennung gefielen ihr.

Als diese Bestätigung wegfiel, fühlte sie sich sehr schnell unzulänglich und schwach und fiel ein wenig haltlos in die Rolle der abhängigen Partnerin, die sich ohne den attraktiven und erfolgreichen Mann unsicher fühlt. Es fiel ihr schwer, sich so selbstbewusst zu geben, wie sie es vor der Beziehung oft gewesen war.

„Hat sich in eine Partnerschaft erst einmal ein Machtgefälle eingeschliffen, wird es oft schwer, direkt in der Beziehung Dinge zu klären“, sagt Narzissmusexpertin Aline Vater. Wenn eine Person spürt, dass sie sich in einer Beziehung regelrecht verloren hat, ist es Zeit, sich wieder mehr auf sich selbst zu konzentrieren, das eigene Selbstbewusstsein zu stärken, sich dabei gegebenenfalls auch Hilfe zu holen.

Wichtig sei auch, sich wieder bewusst die Frage zu stellen, was man im Leben eigentlich will, welche Pläne und Wünsche man auch unabhängig vom Partner hat. Wenn man dann mit etwas mehr Stärke seine eigenen Vorstellungen verfolgt, ändert sich oft auch etwas in der Dynamik der Beziehung. Es lässt sich allerdings nicht vorhersagen, was dann passiert: Es kann sein, dass mehr Nähe entsteht.

Es kann aber auch sein, dass der Partner die Unabhängigkeit unterbinden will oder kritisiert, dass man eigene Wege geht. Das mag im ersten Moment eine ganz normale Reaktion sein. Bleibt es aber so, bedeutet das möglicherweise, dass der andere nicht will, dass sich am Machtgefälle etwas ändert. „Das wäre wieder ein Anlass, sich gut zu überlegen, ob eine solche Beziehung Zukunft hat“, sagt Raphael Bonelli.

Auch Resignation hilft in der Liebe

Eine Entwicklung hin zu mehr Unabhängigkeit ist für Ulrich Clement ohnehin zentral für Paare, gerade wenn es immer wieder zu starken Feindseligkeiten kommt. Denn eine vergiftete Atmosphäre tritt nicht nur auf, weil Partner sich unkritisch in Machtspiele verstricken. „Sehr häufig entstehen anhaltende Spannungen, weil man nicht akzeptieren will, dass der Partner ein ganz anderer Mensch mit ganz anderen Bedürfnissen ist“, sagt Clement. In Paartherapien sei es oft so, dass Partner nicht gern anerkennen, dass sie den anderen nicht verändern und mit ihm nicht alles teilen können.

So kann ein Partner ewig grollen, weil seine Frau mit ihm nicht mehr Zeit verbringen will, obwohl ihm das wichtig ist. Oder eine Frau ist sauer, weil ihr Mann nicht sehr gesellig ist und lieber viel Zeit allein verbringt als im großen Familienkreis. Viele Partner leben dann nach dem Prinzip Hoffnung – sie fordern vom anderen, dass er auf sie zugeht und eingeht und dass er sich ändert. Je nachdem, wie wichtig einer Person das ist, kann das immer wieder zu knallharten Enttäuschungen führen und noch mehr Vorwürfe hervorrufen.

Deshalb ist es laut Ulrich Clement in langjährigen Partnerschaften auch wichtig, das Resignieren zu lernen. „Alle glauben immer, dass Zuversicht hilft. Aber auch Resignation hilft in der Liebe. Zum Beispiel anzunehmen, dass eine bestimmte Sache, die einem wichtig ist, sich nicht ändern wird.“ Gelingt das, ist der betroffene Partner, der mit einem Wunsch zurücksteckt und resigniert, meist nicht mehr angriffslustig, sondern eher traurig. Doch das Entscheidende ist, dass ein Differenzierungsprozess stattgefunden hat.

Ein Stück Freiheit

Jeder steht klar dazu, dass er anders ist als der andere und dass man trotzdem zusammen ist. Ein neuer Status ist erreicht, in dem manchmal etwas Gutes und Neues entsteht, manchmal auch die Distanzierung voranschreitet. „Entscheidend ist, dass man seine eigenen Bedürfnisse ernst nimmt und gleichzeitig nicht den Partner dafür verantwortlich macht, wenn sie sich nicht erfüllen.“ Es entsteht ein Stück Freiheit und mehr Identität für beide.

Anja Buchner entschied sich irgendwann dafür, mutiger zu gucken, was ihr selbst wichtig ist und was ihr in der Beziehung mit David fehlte. Monatelang versuchte sie, die polarisierten Rollen von Nähe und Distanz aufzuweichen, indem sie ihrem Partner Raum ließ, sich wieder mehr mit Freunden traf, statt ihm Vorwürfe zu machen, wenn er lange arbeitete.

Doch die abwertenden und feindseligen Bemerkungen nahmen nicht ab. Auch das Flirten wollte er nicht einschränken. Das gehöre zu ihm, damit müsse seine Partnerin klarkommen, so seine Ansicht. Eine Paartherapie lehnte er ab. Als Anja sich mehr um sich selbst kümmerte, nannte er sie egoistisch und albern. Nach diesen Stationen trennte Anja Buchner sich schließlich von David.

Sie sagt heute, dass es für sie hilfreich war, dass sie aktiv probiert hatte, die Beziehung zu verändern. „Dass die Versuche gescheitert sind, half mir einzusehen, dass ich mit diesem Mann nicht gut zusammenleben kann.“ Ob es sich nun um eine toxische Beziehung handelte, ob David ein krankhafter Narzisst ist oder nur sehr stur und eigen, kann Anja Buchner bis heute nicht beurteilen.

Es ist ihr auch nicht mehr wichtig: „Mein Fokus liegt jetzt nicht mehr auf der Frage, wie David ist oder war. Ich habe mich eher daran orientiert, was mir in einer Beziehung wichtig ist und was ich für mich nicht tragbar finde.“ Das weiß sie jetzt besser. Auch für die nächste Partnerschaft.

Vorsicht, Gefahr!

Manchmal wird es in Beziehungen regelrecht gefährlich, meistens wenn einer der Partner unter einer massiven antisozialen, zwanghaften oder narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet. Hier lernen Sie Alarmzeichen kennen

Doppelte Botschaften

Manche Partner kombinieren ein Kompliment so gut wie immer mit einer Bosheit („Ich bin gern bei dir, auch wenn du nicht so hübsch bist wie andere“) oder eine Einladung mit einer Abgrenzung („Vielleicht nehme ich dich mit, aber nur, wenn Fred absagt“). Sollte dieser Kommunikationsstil regelmäßig auftauchen, ist das ein Zeichen dafür, dass der Partner Machtspiele installiert. Noch kein Trennungsgrund, man sollte das aber ansprechen.

Love-Bombing

Narzisstische Partner überschütten ihr Gegenüber zu Beginn oft mit Geschenken und Aufmerksamkeiten und fahren Superlative auf, um die Beziehung zu beschreiben („Niemand versteht mich wie du.“ „Mit dir habe ich den besten Sex meines Lebens“). Dieser massive Beschuss mit aufwertenden Botschaften kann eine abhängige Bindung verursachen, vor allem bei Menschen, die eine große Sehnsucht nach Zuspruch haben.

Mikrogewalt

Ein Wutausbruch, weil der Partner ein Treffen absagt. Massive Beschimpfung des Partners nach einem kleinen Missgeschick. Das sind Beispiele von Mikrogewalt, die oft etwas Flüchtiges hat, denn häufig versteht es das Gegenüber, die gewalttätigen Impulse nicht vor Zeugen zu zeigen oder schnell wieder auf freundlich umzuschalten.

Übermäßige Kontrolle

Manche Partner legen ein misstrauisches Verhalten an den Tag, das in Richtung Privatsphäreverletzung geht, zum Beispiel Tagebücher lesen, Telefon checken, bestimmen, mit welchen Freunden man sich trifft. Oft wird das Verhalten von dem, der es betreibt, nicht als Problem gesehen, sondern umgedeutet als Fürsorge („Ich passe auf dich auf“) oder als ein Recht: „Ich finde, Partner sollten keine Geheimnisse voreinander haben.“

Gaslighting

Der Begriff kommt aus einem Thriller, in dem ein Mann seiner Frau einredet, dass sie ihrer Wahrnehmung nicht trauen kann: Angesichts einer flackernden Gaslaterne sagt er wiederholt, dass das Licht ganz ruhig sei. In Filmen dient diese Art Irreführung dazu, Opfer in den Wahnsinn zu treiben. In Beziehungen geht es ebenfalls darum, das Gegenüber so zu verwirren, dass es der eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut, zum Beispiel: „Ich habe dich nicht betrogen, das bildest du dir ein.“ Oder: „Ich habe nie zugesagt, gemeinsam wegzufahren.“

Schweigen

Es gibt verschiedene Arten von Schweigen. Menschen, die andere tagelang anschweigen, eine Art Gefühlstod signalisieren und sich so geben, als sei jegliches Interesse am anderen erloschen, nutzen Schweigen als Machtmittel.

Die Autorin Christine Merzeder, die selbst eine Beziehung mit einem manipulativen und gewalttätigen Partner durchlebte, hat in ihrem Buch Wie schleichendes Gift. Narzisstischen Missbrauch in Beziehungen überleben und heilen (Scorpio) einige typische destruktive Verhaltensweisen beschrieben – und zeigt Wege aus der Abhängigkeit

Liebe in Zeiten der Pandemie

Wie haben sich Beziehungen in der Coronakrise verändert?

Mehr Nähe, mehr Sex?

Der Umsatz von Kondom- und Sexspielzeugherstellern stieg in der Krise – da war schnell die These aufgestellt, die Menschen hätten in der Zeit des Lockdowns mehr Sex. Auch hier ist das Bild aber wohl differenzierter: Bei Paaren, die sich schon vor der Krise gut verstanden haben, konnte die Zeit des Lockdowns eine Zeit sein, in der sich die Beziehung vertieft hat, mit intensiven Gesprächen und einem aufblühenden Sexleben, so die Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller.

Für manche ist Sex auch eine Bewältigungsstrategie, um Angst zu lindern. Andere aber verloren unter den Belastungen der Krise die Lust am Sex. Und in vielen Familien fehlten schlicht Zeit und Privatsphäre für Intimität.

Mehr Scheidungen?

Ob die Zeit des Lockdowns dazu geführt hat, dass mehr Ehepaare sich entschließen, sich scheiden zu lassen, wird sich mit Sicherheit erst im Jahr 2021 sagen lassen, wenn das Trennungsjahr vorbei ist und die Scheidungen vollzogen werden. Für die These spricht die Erfahrung, dass sich Paare mit Konflikten nach dem Urlaub trennen, wenn sie viel gemeinsame Zeit auf engem Raum verbracht haben.

Manche mögen während des Lockdowns auch nur endlich die Zeit gefunden haben, die Scheidungspapiere auszufüllen. Die Einschätzung der belgischen Psychotherapeutin Esther Perel: Vielen Menschen sei in diesen Wochen bewusstgeworden, wie kurz das Leben ist und dass man sich auf das konzentrieren sollte, was wichtig ist. Und das kann heißen: Es ist Zeit, die Beziehung zu beenden. Oder das Gegenteil: Wir wollen heiraten!

„Meine Tochter und ich sind eins“

Die Therapeutin Claudia Haarmann über schädigende Eltern-Kind-Beziehungen und wie Betroffene einen Umgang damit finden können

Über toxische Beziehungen mit Partnern wird viel gesprochen. Was ist grundlegend anders, wenn Menschen die Beziehung zu ihren Eltern als schwerwiegende Belastung erleben?

In der Familie geht es um unsere Grundfesten. Alles, was wir über Beziehung und Liebe lernen, haben uns Eltern und Geschwister vermittelt. Wie die familiären Beziehungen einen geprägt haben, was man dort gelernt hat, kann man aber erst begreifen, wenn man erwachsen wird. Vorher ist das Familienleben eine unhinterfragte Realität – wir kennen nichts anderes.

Wenn Menschen unabhängiger vom Elternhaus werden, tiefe Liebesbeziehungen oder enge Freundschaften erleben, merken sie, dass sich Kontakt auch anders anfühlen kann. Das ist dann ein guter Ausgangspunkt dafür, genauer zu schauen, was eigentlich in der eigenen Familie los war und ist.

Gibt es typische Anzeichen, an denen Klienten merken, dass die Beziehung zu den Eltern ihnen schadet?

Das signifikanteste Zeichen ist, dass im Kontakt mit den Eltern existenzieller Stress entsteht. Die Klienten merken, es gibt ein Unwohlsein im Körper, ein angstvoll hochgefahrenes Nervensystem. Dieses massive Stresserleben ist oft schon in der frühen Kindheit geprägt worden. Daneben ist auch die konkrete Begegnung mit den Eltern immer von Befürchtungen begleitet: Wie wird das? Was muss ich dort tun? Gibt es wieder Kommentare? Der Kontakt mit der eigenen Familie ist nie entspannt.

Ein weiteres Anzeichen, dass in der Beziehung zu den Eltern grundlegend etwas nicht stimmt, ist eine riesengroße Sehnsucht. Klienten wünschen sich nichts mehr, als dass ihre Mutter, ihr Vater endlich mal zuhört, dass sie endlich mal mitkriegt, wer sie sind, endlich anerkennt, wie das Kind ist und lebt. Die erwachsenen Kinder fühlen sich nicht gehört, gesehen, anerkannt. Es ist ein riesiger Mangel.

Wie entsteht ein solcher Mangel in den Familien konkret?

Ein Teil der Klienten schildert eine große Distanz zu den Eltern, die oft so weit geht, dass die Betroffenen sich nicht vorstellen können, wie sich ein körperlicher Kontakt mit ihren Eltern anfühlen könnte. Auf der anderen Seite gibt es auch erwachsene Kinder, die sich „überliebt“ fühlen, die das Gefühl haben, dass ihre Eltern, vor allem die Mütter, ihnen viel zu nah sind und sie vollkommen vereinnahmen. Diese Kinder erleben die Eltern entweder also so schwach, dass sie sich immer kümmern müssen, sich nie entfernen dürfen.

Oder die Eltern sind sehr raumgreifend und sehen Tochter oder Sohn als eine Art Faustpfand für Nähe und Harmonie im eigenen Leben. Das sind zum Beispiel Mütter, die Sätze sagen wie: „Meine Tochter ist meine beste Freundin.“ „Meine Tochter und ich sind eins.“ „Mein Sohn ist derjenige Mensch, der mir am nächsten steht.“ Diese übermäßige Vereinnahmung durch Elternteile ist heute weit verbreitet Die Kinder müssen sich regelrecht aus der manipulativen Umklammerung befreien.

Gibt es etwas, das alle dysfunktionalen Beziehungen gemeinsam haben?

Das Grundgefühl, das all diese Kinder in der Beziehung mit ihren Eltern haben, ist gleich: Es geht im Kontakt nie um das Kind! Auch Eltern, die ihre Kinder ganz nah an sich binden, wollen vor allem eigene Bedürfnisse stillen. Sie wollen es endlich gut und harmonisch haben, endlich jemanden ganz nah bei sich haben.

Die Kinder spüren die Fragilität der Eltern und fühlen sich verantwortlich, erdrückt, eingeengt. Jedes Wegbewegen ist mit Ambivalenz verbunden, nach dem Motto: „Ich kann das nicht, das ist mir zu nah – aber ich möchte meiner Mutter auch nicht wehtun.“

Besonders belastend scheint es für Kinder zu sein, mit narzisstischen Eltern aufzuwachsen. Warum?

Narzisstische Eltern kreisen nur um sich selbst. Sie sind dominant, fordernd und permanent damit beschäftigt, sich in ihrer Grandiosität zu halten. Oder sie tauchen ins Elend ab, wenn sie sich gerade wertlos fühlen. Kinder, die mit solchen Eltern aufwachsen, haben oft ein tiefes Alleinsein erlebt, niemand kümmerte sich um sie, ihre Bedürfnisse waren immer unwichtiger als die der Eltern.

Irgendwann kommt bei diesen Kindern dann die Frage auf: „Was ist eigentlich mit mir?“ Doch schon dieser Gedanke löst oft massive Schuldgefühle aus – denn die Kinder haben zu häufig erfahren, dass immer jemand anders im Mittelpunkt stehen muss und sonst gekränkt ist.

Was können Kinder tun, die sich aus dysfunktionalen Beziehungen mit Eltern lösen wollen?

Um etwas zu ändern, kann Auseinandersetzung gut sein. In manchen Familien helfen Gespräche, in denen das erwachsene Kind ausdrückt, dass ihm bestimmte Dinge zu viel sind oder was ihm früher gefehlt hat. Es gibt Eltern, die auf diese Inhalte reagieren können, die zum Beispiel sagen: „Das tut mir leid.“ Oder: „Das wusste ich nicht. Das wollte ich nicht.“ Dadurch kommt bei den Betroffenen oft etwas in Bewegung und eine gewisse Heilung beginnt.

Bei anderen Eltern kommen Kinder mit solchen Versuchen nicht weiter. Diese Eltern blocken ab, fühlen sich zu Unrecht beschuldigt, nennen die Kinder undankbar oder sind im Kontakt ohnehin respektlos und so grenzüberschreitend, dass eine faire Auseinandersetzung nicht möglich ist. Ich erlebe es häufig, dass Kinder aus solchen Familien dann beschließen, sich für einen längeren Zeitraum auszuklinken. Sie distanzieren sich, lassen den Kontakt ganz sein und können dann von einem anderen Punkt aus später vielleicht wieder in den Kontakt gehen. Dazwischen liegen aber oft Jahre.

Wenn erwachsene Kinder merken, dass ihre Eltern sie belasten und belastet haben, dann ist das eine schwerwiegende Erkenntnis. Wie kann man damit umgehen?

Ich bin dann als Erwachsener aufgerufen, mir die Dinge, die ich nicht bekommen habe, selbst zu geben. Man kann lernen, sich selbst liebevoll zu behandeln, sich nicht ständig überkritisch zu sehen, sich selbst zu bemuttern. Wenn das gelingt, dann ist es manchmal auch möglich, aus der Distanz heraus die eigenen Eltern zu sehen und sich zu fragen: Warum ist meine Mutter, warum ist mein Vater so gewesen? Dadurch ändert sich viel.

Die Blickrichtung hinein in die Geschichte der Eltern ist oft wie ein Straßenschild, das in Richtung Frieden führt.

Viele Ratgeber schlagen bei komplizierten Eltern-Kind-Beziehungen auch gleich Vergebung und Frieden vor. Ist auch das eine Möglichkeit?

Da bin ich sehr skeptisch. Man kann den Prozess nicht abkürzen. Der erste Schritt ist für mich immer, dass erwachsene Kinder Mitgefühl für sich selbst entwickeln und auch bewusst spüren, was sie nicht bekommen haben. Erst wenn man den eigenen Mangel anerkennen kann und anfängt, sich selbst zu lieben, hat man eine Basis, einen freundlichen Blick nach außen zu werfen. Ansonsten würde man sich selbst ja wieder übergehen. Und das wäre falsch.

Claudia Haarmann ist Heilpraktikerin für Psychotherapie mit einer Praxis in Essen. Ihre Bücher Mütter sind eben Mütter. Was Töchter und Mütter voneinander wissen sollten und Kontaktabbruch in Familien. Wenn ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich scheint sind bei Kösel erschienen

Zum Weiterlesen:

Raphael M. Bonelli: Männlicher Narzissmus: Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist. Kösel, München 2016

Ulrike Borst, Andrea Lanfranchi (Hg.): Liebe und Gewalt in nahen Beziehungen. Therapeutischer Umgang mit einem Dilemma. Carl-Auer Systeme, Heidelberg 2011

Ulrich Clement: Life Lessons. Im gleichnamigen Portal hat der Paartherapeut Ulrich Clement verschiedene Therapie-Sequenzen als Lernvideos eingestellt. Die Sequenz über „Kollusionsmodell nach Willi“ passt zum Thema

Silke Gronwald/Almut Siegert: Genug ist Genug: Narzissmus, Egozentrik und emotionaler Missbrauch: Wie toxische Beziehungen entstehen - und wie Sie sich daraus lösen können. Ten Talks, Band 1, Indipendently Published 2020

Marie-France Hirigoyen: Die Masken der Niedertracht: Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann. dtv, München 2002

Marie-France Hirigoyen: Die toxische Macht der Narzissten: und wie wir uns dagegen wehren, C. H. Beck, München 2020

Michael G. Marmot u.a.: Negative aspects of close relationships and heart disease. Archives of Internal Medicine, 167/18, 2007, 1951-1957, DOI: 10.1001/archinte.167.18.1951

James K. McNulty: What type of communication during conflict is beneficial for intimate relationships? Current Opinion in Psychology, 13, 2016, DOI: 10.1016/j.copsyc.2016.03.002

Heinz-Peter Röhr: Wege aus der Abhängigkeit: Belastende Beziehungen überwinden. Patmos, Ostfildern 2015

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2020: ​Toxische Beziehung
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