Hochbegabt – und glücklich?

Hochbegabte sind vielen Belastungen ausgesetzt. Zwei Bücher zeigen, wie sie diesen Problemen konstruktiv begegnen können.

Hochbegabt – und glücklich?

Ablehnung, Missverständnisse, Einsamkeit – Hochbegabte sind vielen ­Belastungen ausgesetzt. Zwei Bücher zeigen, wie sie diesen Problemen ­konstruktiv begegnen können

Sie erscheinen vom Schicksal begünstigt, für unsere leistungsfixierte Gesellschaft bestens ausgerüstet – die Hochbegabten. Tatsächlich aber führt genau dieses verbreitete Missverständnis von Hochbegabung dazu, dass hochbegabte Menschen oft ein besonders kompliziertes, einsames, instabiles Leben führen – und keinesfalls besonders erfolgreich sind, häufig sogar eher scheitern. Wie es zu diesem verblüffenden, für die Betroffenen leidvollen Umstand kommt und wie ihm konstruktiv, heilend zu begegnen ist, erklären zwei Bücher, die beide das „Problem“ schon im Titel tragen.

Wie Hochbegabte besser mit sich und anderen leben können,ist das Anliegen des Autorenduos Claudia und Andreas Niklas. Ihr Konzept ist zweifellos interessant: Eine Insiderin und ein Experte führen ihr jeweils spezifisches Wissen zusammen, die eine aus dem unmittelbaren Erleben heraus, der andere aus seiner wissenschaftlichen Forschung. Ausgangspunkt ist auch für sie die Erfahrung, dass hochbegabt zu sein oft psychisch, sozial und beruflich zu erheblichen Problemen führt.

Wenig Interesse an Führungspositionen

Den Spannungen und Konflikten, die diese Probleme auslösen, widmet sich der erste Teil dieses Buches. Er liefert teils interessante Informationen wie die, dass Hochbegabte in der Regel wenig Interesse an Führungspositionen haben, ganz auf Kompetenz und sachliche Auseinandersetzung fokussiert sind. Aufschlussreich ist auch eine von den Autoren zitierte Studie zum Zusammenhang zwischen Hochbegabung und berufsbezogenen Persönlichkeitsmerkmalen. Darin schnitten Hochbegabte sowohl bei der sozialen Kompetenz wie der psychischen Konstitution schlechter ab als Normalbegabte. Die Autoren weisen also durchaus auf die Hürden und Belastungen hin, denen Hochbegabte begegnen. Der Gestus des Buches lässt aber den Eindruck entstehen, dass sie über dem Bemühen, einen brillanten Text zu schreiben, die Hochbegabten als Menschen zwar nicht gedanklich, aber emotional aus dem Blick verloren haben. Ihre praktischen Vorschläge, wie den Herausforderungen der Hochbegabung zu begegnen ist, sind merkwürdig direktiv, fast vorwurfsvoll. Und ihre Argumentation ist immer wieder unscharf.

Erst gegen Ende des Buches vermitteln die Autorin und der Autor eine Ahnung, worin die spezifische Not Hochbegabter besteht. Dass es für sie existenziell wichtig ist, ihrer Imagination folgen zu können und ihr Potenzial in einem Raum auszuleben, der von geistiger Freiheit und seelischer Sicherheit geprägt ist. Und wie quälend es für sie ist, dass ihr Bedürfnis nach individueller mentaler Nahrung so oft nicht erfüllt, die manchmal ungestüme Bewegung ihres Geistes immer wieder missverstanden wird.

Empfindsamkeit und Klarsicht

Sind Hochbegabte vielleicht wirklich Zu intelligent, um glücklich zu sein, wie Jeanne Siaud-Facchin in ihrer Studie fragt? Ihre Antwort ist ein nachdrückliches „Nein“, das sie nachvollziehbar begründet. Hochbegabte Menschen, so ihre Grundthese, können sehr wohl ein glückliches, gelingendes, kreatives und vielleicht sogar erfolgreiches Leben führen – wenn sie selbst und ihr soziales Umfeld begreifen, „was es heißt, hochbegabt zu sein“. Genau das beschreibt und analysiert die Autorin bis in feinste emotionale Verästelungen und Widersprüche hinein. Sie idealisiert nicht, mahnt nicht, belehrt nicht – ihre Ausführungen sind vielmehr durchgehend von einem tiefen Verstehen, Gelassenheit und, ja, Fürsorge bestimmt.

Erhellend ist gleich zu Beginn ihre Begriffserläuterung, der zufolge Hochbegabung eine qualitativ, nicht quantitativ andere Form von Intelligenz ist, nämlich eine atypische intellektuelle Funktionsweise, bei der sich die Aktivierung und Organisation von kognitiven und zerebralen Fähigkeiten grundsätzlich von der Norm unterscheidet. Sie ist verknüpft mit einer extrem ausgeprägten Empfindsamkeit, Klarsicht und alle fünf Sinne umfassenden Wahrnehmungsschärfe sowie einer extremen Gefühlsintensität.

Hochbegabung muss mithin begriffen werden als eine spezielle Art, auf der Welt zu sein, die die gesamte Persönlichkeit prägt und Auswirkungen auf das soziale Umfeld hat.

Hochbegabte müssen nicht nur gewaltige innere Spannungen verarbeiten, sondern wirken auch nach außen hin oft inkohärent oder widersprüchlich. Zum Beispiel dadurch, dass sie „zuerst mit den Gefühlen denken, dann erst mit dem Kopf“. Jeder Gedanke ist bei ihnen mit einer Flut von Emotionen verbunden – und entsteht auf völlig andere Weise als bei durchschnittlich intelligenten Menschen. Wie in ihren Gehirnen Gefühle, Bilder, Sinn und Sinne zusammenspielen, liest sich spannend, lässt aber auch ahnen, wie viel Missverständnisse, Ablehnung und Einsamkeit hier lauern.

Eine tumultartige Intelligenz

Die spezielle Sensitivität Hochbegabter legt natürlich die Frage nahe, wie sich Hochbegabung und Hochsensibilität überschneiden und potenzieren beziehungsweise wie genau sie voneinander abzugrenzen sind. Dieser Frage geht die Autorin leider nicht genauer nach.

Intelligenz kann Angst machen, wenn es nicht gelingt, das Denken zu stoppen. Und das ständige Erleben von Andersartigkeit, Isolation und der eigenen Widersprüchlichkeit führt bei vielen zu einem instabilen Selbstbild. Dass Hochbegabte sich durch ihre extreme Sensitivität, intuitive Wahrnehmung und analytische Fähigkeit den unterschiedlichsten Situationen chamäleonartig anzupassen vermögen, wirkt wiederum auf das Gegenüber oft wie Willkür, Manipulation oder Arroganz.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2018: Die Stärke der Stillen
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