„Die Seele hat ihr eigenes Tempo“

Gerontopsychologin Bettina Ugolini über Eltern, die hilfsbedürftig werden – und welche Frage sich die erwachsenen Kinder dann stellen müssen.

Eine Frau umarmt ihre ältere Mutter
Es warten viele Herausforderungen auf uns, wenn unsere Eltern älter werden. © gettyimages, Jasmin Merdan

Das Konzept der "filialen Reife" sieht vor, dass wir ein erwachsenes Verhältnis zu unseren Eltern entwickeln, also alte Kindheitsmuster hinter uns lassen. Sollte man diese Reife denn entwickeln, bevor die Eltern unsere Hilfe benötigen?

Es wäre günstig, das bereits vorher zu entwickeln. Wenn die Pflegebedürftigkeit sich bei den Eltern manifestiert, dann sind wir als erwachsene Kinder mit so vielen anderen Themen gefordert, dass der gleichzeitige Prozess dieser Nachreifung bei vielen Menschen zu einer Überforderung führt. Es gibt einen Moment im Leben, an dem man merkt, dass sich die Beziehung zu den Eltern verändert. Das ist beispielsweise der Moment, an dem die Eltern das erwachsene Kind das erste Mal um Rat fragen – was würdest du sagen, wie würdest du das entscheiden? Das ist der Moment, an dem die Kommunikation, die bislang mehrheitlich vom Kind zum Elternteil verlaufen war, anfängt, sich zu verändern. Und dieser Augenblick ist lange, bevor die Eltern hilfsbedürftig werden.

Was sollte man in diesem Moment tun?

Hier braucht es eine andere Hinwendung zu den Eltern. Nämlich nicht die aus der Kinderrolle heraus, weil das Kind in der Person der Eltern eigentlich immer nur den Vater oder die Mutter sieht. Sondern eine Hinwendung zum Elternteil mit der Neugier: Wer ist dieser Mensch noch? Außer Mutter oder Vater? Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson spricht hier von einer Begegnung mit einer anderen Form der Liebe, einer Liebe, die getragen ist vom Respekt vor der Biogafie des Gegenübers.

Wie genau kann ich diese Neugier entwickeln, wenn ich selbst noch Verletzungen aus der Kindheit mitbringe?

Wenn Menschen zu mir in die Praxis kommen, lasse ich sie die Persönlichkeit zum Beispiel der Mutter wie einen Kuchen aufzeichnen. Eines der Kuchenstücke ist die Mutter als Mutter. Und dann schaue ich: Wer ist und war diese Mutter noch? Tochter, Schwester, Oma, Freundin, Ehefrau, eine Frau, die auch Sex hat, eine berufstätige Frau ...? Es geht darum, die Perspektive auf die Mutter zu erweitern und sie als ganzen Menschen zu sehen. Vor diesem Hintergrund bekommen auch erlebte Verletzungen eine etwas andere Konnotation. Das heißt nicht: Ich verzeihe alles, und alles ist jetzt gut. Aber die Hinwendung zu dem Menschen, der mein Elternteil auch noch ist, lässt die Verletzungen vielleicht ein bisschen in den Hintergrund treten. Und machen eine Hinwendung einfacher.

Wäre ein Vergebungsprozess denn notwendig für die filiale Reife?

Ich meine, dass der Vergebungsprozess für die eigene Lebensqualität notwendig ist. Und in ganz vielen Gesprächen merke ich auch, dass er begleitend entsteht. Nämlich indem jemand sagt: Wenn ich mir jetzt das Leben meiner Mutter und ihre Träume und ihre Biografie ansehe, dann verstehe ich besser, warum sie so gehandelt hat. Deswegen verschwindet mein Schmerz nicht. Aber ich bekomme einen anderen Zugang zu ihm.

Sich abgrenzen zu können ist eine wichtige Fähigkeit, wenn die Eltern Hilfe benötigen. Entwickelt sich aus dem Verständnisprozess heraus auch ein besseres Gefühl für die eigenen Grenzen?

Ja, es entsteht dadurch eine andere Abgrenzung, eine gesunde Abgrenzung. Und dieses Verstricktsein in alte Verletzungen löst sich ein bisschen auf. Dazu kommt aber noch der Aspekt der Augenhöhe. Denn die Grenzenlosigkeit im Verhältnis ergibt sich aus meiner Sicht auch immer durch die Idee einer Rollenumkehr: Wenn die Eltern Hilfe benötigen, werde ich zur Mutter, mein Elternteil wird zum Kind. Und da kommt die große Schwierigkeit: Die Mutterrolle beinhaltet eine erzieherische Komponente – die habe ich meinen alten Eltern gegenüber nicht. Und die Mutterrolle hat auch etwas Grenzenloses. Ich bin der Meinung: Wir sind unseren Eltern nicht wirklich etwas schuldig. Sondern ich finde es toll – und ich unterstütze ja Familien tagtäglich dabei –, dass diese Elternpflege möglich ist, aber: in Abhängigkeit zu dem, was ich aufgrund meiner gelebten Geschichte bereit bin zu tun. Und nicht aus einer Mutterrolle heraus, die sagt: Jetzt ist meine Mama zum Kind geworden, und jetzt opfere ich mich auf. Das halte ich für falsch für das erwachsene Kind. Aber vor allem auch für die alten Eltern. Was sich verändert, sind nicht die Rollen, sondern die Quantität an Geben und Nehmen. Und vielleicht gibt es auch eine Verschiebung der Verantwortung. Aber – und das ist mir extrem wichtig – ich bleibe das erwachsene Kind meiner Eltern.

Wie geht es Töchtern, die schon früh, möglicher Weise schon als Kind, Verantwortung für zum Beispiel die überforderte Mutter übernommen haben?

Da ist es besonders schwierig, aus der Verantwortung herauszutreten. In solchen Fällen ist der Prozess der Begleitung wirklich länger. Da muss man immer wieder sagen: Sie sind nicht die Mutter Ihrer Mutter, sondern Sie sind die Tochter. Und das Üben in der Begegnung braucht auch länger. Der Mutter immer wieder zu sagen: Guck, ich bin dein Kind, ich bin nicht deine Mutter, ich bin nicht für dein Glück verantwortlich.

Ist es sinnvoll, das auch so auszusprechen?

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2019: Zwischen Liebe und Pflichtgefühl
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