Mitgefühl

Mit anderen zu empfinden stärkt das soziale Miteinander – und die eigene seelische Gesundheit.

Mitgefühl gehört zur Grundausstattung des Menschen, es lässt sich aber auch lernen und vertiefen © Plainpicture

Mitgefühl

Anderen Menschen offen und freundlich begegnen. Ihr Leid wahrnehmen, ohne in Mitleid zu vergehen. Das ist ein wichtiger Schlüssel für die eigene seelische Gesundheit und hilft das soziale Miteinander zu verbessern

Ein bisschen Mitgefühl könnte nicht schaden!“ Dieser Satz ist oft ironisch gemeint, wenn nicht gar bitter. Die meisten Menschen sehnen sich nach Mitgefühl. Zumal wenn es ihnen schlechtgeht. Aber nicht jeder praktiziert es. Und die es doch tun, beschränken es oft auf Menschen, die ihnen nahestehen. Einem völlig Fremden Mitgefühl entgegenzubringen erscheint vielen unmöglich, wenn nicht gar absurd. Doch Wissenschaftler sehen das inzwischen anders: Wenn man sich darum bemüht und darin schult, kann man für jedes lebende Wesen Mitgefühl empfinden. Neuere Studien zum Thema ergeben übereinstimmend, dass Mitgefühl für unser Überleben unverzichtbar und jeder Mensch im Prinzip auch dazu fähig ist. Damit widersprechen sie klar dem „Evolutionismus“, einer Theorie, die der englische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer vor gut 150 Jahren propagiert hat, und die im Wesentlichen besagt: Der Mensch ist von Natur aus egoistisch, so etwas wie Mitgefühl muss er sich mühsam abringen, und das tut er– wenn überhaupt – nur, wenn es ihm letztlich einen Vorteil bringt.

Fürsorge gehört zur Grundausstattung des Menschen

Lange Zeit galt Mitgefühl als etwas, wofür Religionen und spirituelle Traditionen zuständig sind. Die Wissenschaft begann erst spät, sich dafür zu interessieren. Einer der Ersten, die sich wissenschaftlich an das Thema Mitgefühl wagten, ist Paul Gilbert, Professor für klinische Psychologie an der University of Derby. Mitgefühl, so seine These, ist eine natürliche, im Menschen angelegte Fähigkeit, die von einem der drei emotionalen Systeme gesteuert wird: Das Bedrohungssystem hilft uns, Gefahren zu erkennen und auf sie zu reagieren. Das Antriebssystem hilft uns dabei, lebenswichtige Ressourcen aufzuspüren. Das Beruhigungs- und Bindungssystem dagegen dient der Besänftigung und fördert Gefühle von Sicherheit, Verbundenheit und Geborgenheit.

Als Paul Gilbert begann, das Thema zu untersuchen, stützte er sich vor allem auf die Bindungstheorie, die der Kinderpsychiater John Bowlby zu Beginn der 1950er Jahre entwickelt hatte. Bowlby hatte herausgefunden, dass die liebevolle und feinfühlige Zuwendung der Mutter sich auf die Entwicklung des Säuglings auswirkt und so auch noch fortwirkt auf das spätere Leben des Erwachsenen. Damit, schreibt Paul Gilbert, „half er uns zu erkennen, dass unser Gehirn biologisch darauf angelegt ist, vom Tag unserer Geburt an auf die Liebe und Freundlichkeit anderer zur reagieren“. Und umgekehrt: Unser Gehirn ist auch darauf angelegt, uns anderen mit Freundlichkeit und Mitgefühl zuzuwenden.

Heute weiß man, dass diese Fähigkeit nicht nur durch die Mutter geweckt wird, sondern auch durch die Zuwendung anderer Menschen, die dem Kind als feste Bezugspersonen Liebe und Fürsorge angedeihen lassen. Dass liebevolle Zuwendung im Kind die Fähigkeit fördert, selbst Fürsorglichkeit zu empfinden, und der Mangel daran diese Fähigkeit unterentwickelt lässt, das wird inzwischen von vielen Studien gestützt. Und ist eine Erklärung dafür, warum manche Menschen Mitgefühl nicht oder nur schwer empfinden und annehmen können.

Mitgefühl lernen – durch Meditation

Neuropsychologische Studien bestätigen inzwischen die Annahme, dass Mitgefühl zur Grundausstattung des Menschen gehört. Entwicklungspädagogen kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Carolyn Zahn-Waxler von der University of Wisconsin zum Beispiel wollte herausfinden, ab welchem Alter – und wie – Kleinkinder auf einen Familienangehörigen reagieren, der „Aua!“ ruft oder vorgibt zu weinen. Sie fand heraus: Bereits Einjährige versuchen Trost zu spenden. Daraufhin erweiterte sie ihr Setting auf eine Kindertagesstätte. Und beobachtete, wie ein achtzehn Monate altes Mädchen zu einem Baby lief, das weinte: „Sie umarmte den Kleinen, streichelte ihn, hob einen Keks auf, der ihm heruntergefallen war, und bat schließlich die Erzieherin, dem Baby zu helfen.“

Von dieser spontanen Hilfsbereitschaft ist es allerdings oft ein weiter Weg zu reflektiertem Mitgefühl. Paul Gilbert entwickelte ein mehrstufiges Trainingsprogramm, mittels dessen man Mitgefühl erlernen kann. Dazu gehören Elemente wie Selbstbefragung, Imaginationen, das Entwickeln von Stärke, Freundlichkeit und einer nichtwertenden Haltung, das Erkennen der eigenen Gedanken und das Annehmen der eigenen Gefühle, die Konfrontation mit der eigenen Fähigkeit zu Grausamkeit, die Auseinandersetzung mit Angst und Mut, Schuld und Vergebung und vieles mehr – bis hin zum systematischen Aufbau einer mitfühlenden Haltung.

Eine Grundlage des Mitgefühlstrainings ist das Erlernen einer der klassischen buddhistischen Mitgefühlsmeditationen wie zum Beispiel der „Liebende-Güte-Meditation“ (siehe Kasten). Kern dieser Übung ist, dass man sich selbst und anderen Gutes wünscht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zum Thema Mitgefühl forschen, greifen auf diese Übung zurück, wenn sie etwa die Gehirne von Versuchspersonen im MRT scannen.

Gehirnscans messen Veränderungen

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2017: Beziehungsfähig!
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