Was ist mir wichtig?

10 konkurrierende Grundwerte – und wie sie mit der Persönlichkeit in Verbindung stehen

Die einen wollen sich beweisen und Karriere machen, für andere steht das Soziale an oberster Stelle: Menschen unterscheiden sich darin, welche Werte ihnen wichtig sind. Der Psychologe Shalom Schwartz von der Hebrew University in Jerusalem hat vor zwei Jahrzehnten ein Ordnungsschema ersonnen, das menschliche Grundwerte nach dem Grad ihrer Verwandtschaft gruppiert: Er ermittelte zehn Grundwerte (die er später nochmals unterteilte) und ordnete sie im Kreis an. Werte, die einander gegenüberliegen, beißen sich, zum Beispiel Selbstbestimmung und Sicherheit. Benachbarte Werte hingegen sind verwandt, etwa Konformität und Tradition. Doch wo kommen diese Werte eigentlich her? In einer Metaanalyse von Studiendaten aus 14 Ländern mit fast 10 000 Teilnehmern stellten Ronald Fischer und Diana Boer fest: Die Persönlichkeit eines Menschen und die Grundausrichtung seiner Werte hängen deutlich zusammen.

Aber: Wie stark dieses Band zwischen Persönlichkeit und Werten beschaffen ist, hängt davon ab, wo die Betreffenden leben. In Ländern mit Wohlstand und Stabilität (etwa Kanada, USA, Deutschland) spielt die Persönlichkeit bei der Wertewahl eine große Rolle. In Ländern wie Kenia hingegen hängen die Werte einer Person eher von anderen Dingen ab – wohl nicht zuletzt davon, ob sie sich finanziell über Wasser halten kann und ob sie von Krankheiten oder Kriminalität bedroht ist. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, sprach Brecht. Ist das eine gesichert, dann entfalten sich die zehn Grundwerte in etwa so: 

1) Macht

Dieser Wert verkörpert das Streben nach Dominanz, Geld und Prestige. Typische Aussagen: „Sie will, dass die Leute tun, was sie sagt.“ „Es ist ihm wichtig, in der Öffentlichkeit sein Gesicht zu wahren.“ Bei Menschen mit hohem Machtstreben ist der Persönlichkeitszug „Verträglichkeit“ oft nicht besonders ausgeprägt; sie sind also im Umgang mit anderen nicht sonderlich liebenswürdig und entgegenkommend. Ferner sind machtbewusste Personen meist eher extra- als introvertiert, denn Extraversion umfasst nicht nur Geselligkeit und gute Laune, sondern auch einen Hang zur Dominanz.

2) Leistung

Menschen mit dieser Werthaltung ist es wichtig, Erfolg zu haben und vor anderen Kompetenz zu demonstrieren. Typische Aussagen: „Er findet es richtig, ehrgeizig zu sein.“ „Sie möchte, dass die Leute ihre Leistungen bewundern.“ Menschen, die Leistung wertschätzen, sind ebenfalls eher extravertiert und nicht sehr verträglich – im Ringen um Erfolg fahren sie schon mal die Ellbogen aus.

3) Hedonismus

Beim Streben nach Leistung geht es darum, sich im Erfolg zu sonnen. Beim benachbarten Wert Hedonismus ist schon das Sonnen an sich der höchste Wert. Es geht um Vergnügen und Selbstbelohnung, um unbeschwerten Genuss. Typische Aussagen: „Die Freuden des Lebens zu genießen ist ihr wichtig.“ „Er ergreift jede Gelegenheit, Spaß zu haben.“ Auch Hedonismus ist eher typisch für Extra- als für Introvertierte.

4) Stimulation

Stimulation drückt das Ausschauhalten nach Anregendem aus, wobei manche eher nach Rummel, andere nach Neuem und wieder andere nach Thrill suchen. Typische Aussagen: „Ein aufregendes Leben ist ihm wichtig.“ „Sie ist immer auf der Suche nach neuartigen Erlebnissen.“ Streben nach Stimulation ist mit zwei Persönlichkeitszügen stark verbandelt: erstens wiederum mit Extraversion und zweitens mit „Offenheit für neue Erfahrungen“: Wenn jemand von seinem Temperament her neugierig und interessiert ist, dann ist ihm die Suche nach Ideen und Anregungen wichtig. 

5) Selbstbestimmung

Offenheit für Neues kennzeichnet auch Menschen, die Wert auf Selbstbestimmung legen – schließlich ist Eigeninitiative ja eine Voraussetzung für neue Erfahrungen. Auch sind Menschen, die Selbstbestimmung hochschätzen, tendenziell seelisch stabiler und weniger ängstlich – auf die Welt zuzugehen erfordert eben ein gewisses Zutrauen. Typische Aussagen: „Es ist ihr wichtig, ihre eigenen Meinungen und Ideen zu haben.“ „Er schätzt die Freiheit, zu wählen, was er tut.“

6) Universalismus

Dieser Sammelbegriff steht für soziale Werte: Toleranz, Sorge um Gerechtigkeit und Frieden, Schutz der Natur. Typische Aussagen: „Er legt Wert darauf, Menschen zuzuhören, die anders sind als er.“ „Sie möchte, dass jeder gerecht behandelt wird.“ Menschen mit dieser Einstellung sind meist verträgliche und für Neues offene Naturen. 

7) Wohltätigkeit

In diesem Wert drücken sich Fürsorge, Aufrichtigkeit und die Bereitschaft zu verzeihen aus. Typische Aussagen: „Sie möchte für nahestehende Menschen sorgen.“ „Er will anderen ein  vertrauenswürdiger Freund sein.“ Menschen, denen es ein Bedürfnis ist, sich um andere zu kümmern, sind auch von ihrer Art her hilfsbereit und freundlich.

8) Tradition

Dieser Wert steht einerseits für Bescheidenheit und Demut, andererseits für ein Hochhalten von hergebrachten Tugenden und Gepflogenheiten. Typische Aussagen: „Traditionelle Werte und Überzeugungen zu wahren ist ihm wichtig.“ „Es liegt ihr viel daran, die Rituale der Familie zu pflegen.“ Tradition ist, wenig überraschend, oft anzutreffen bei Menschen mit geringer Offenheit für neue Erfahrungen.

9) Konformität

Konformität ist Ausdruck des Bedürfnisses, sich an Regeln zu halten und nicht anzuecken – weder bei der Ordnungsmacht noch bei den Menschen, mit denen man zusammenlebt und -arbeitet. Typische Aussagen: „Er findet es wichtig, die Gesetze zu achten.“ „Sie möchte andere Menschen nicht verärgern.“ Konformität geht oft mit Verträglichkeit einher, denn verträgliche Menschen sind verständnisvoll – und ein bisschen konfliktscheu.

10) Sicherheit

Das Abwenden von Bedrohungen steht hier an erster Stelle: solcher des eigenen Lebens, etwa Krankheit, oder solcher der Gemeinschaft, etwa Terrorismus. Typische Aussagen: „Sie vermeidet alles, was ihre Sicherheit gefährden könnte.“ „Er wünscht sich einen starken Staat, der seine Bürger beschützt.“ Diese Werthaltung ist verknüpft mit Gewissenhaftigkeit, also Eigenschaften wie Fleiß und Selbstdisziplin: Menschen, denen Sicherheit am Herzen liegt, investieren offenbar viel Energie darauf, ihr Leben in „geordneten Bahnen“ zu halten.

Thomas Saum-Aldehoff 

Aus: Psychologie Heute, Ausgabe 7/2015

Literatur

 

  • Ronald Fischer, Diana Boer: Motivational basis of personality traits: A meta-analysis of value-personality correlations. Journal of Personality, online vorab. DOI: 10.1111/jopy.12125
  • Shalom H. Schwartz u. a.: Refining the theory of basic individual values. Journal of Personality and Social Psychology, 103/4, 2012, 663–688

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