Neugierig müsste man sein

Wer neugierig ist, hat viele Vorteile im Leben

6 Gründe, die eigene Wissbegierde zu pflegen

„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig“, schrieb Albert Einstein seinem Biografen Carl Seelig. Vielleicht hat der Physiknobelpreisträger sein Licht damit etwas zu sehr unter den Scheffel gestellt. Doch ganz grundsätzlich haben Psychologen und Neurowissenschaftler eine Reihe von Lebensbereichen ausgemacht, in denen diese Eigenschaft von kaum überschätzbarem Vorteil ist.

1) Intensive Gespräche

sind für neugierige Menschen die Regel, nicht die Ausnahme. Sie  gehen offen auf andere zu und starten ungezwungen eine Unterhaltung. Der amerikanische Psychologe Todd Kashdan hat beobachtet: Wissbegier begünstigt spontane, ungeplante Begegnungen. Ob im Taxi, im Zug oder auf Partys gestalten diese Menschen Small Talk „für sich und ihr Gegenüber interessanter und erfreulicher“, hat Kashdan herausgefunden. Sie stellen zum Beispiel weniger oberflächliche Fragen, wühlen aber gleichwohl nicht in der Privatsphäre des anderen. Diese Kombination aus Aufmerksamkeit und Respekt erzeugt eine Nähe und Offenheit, die sich auch nach dem Gespräch nicht einfach verflüchtigt. Und selbst die Verschlosseneren profitieren vom Dialog mit einem aufrichtig interessierten Gegenüber: Sie fühlen sich wahrgenommen und verstanden.

2) Zum Glück

braucht es Neugier: Die Psychologen Christopher Peterson und Martin Seligman meinen, dass diese Eigenschaft zu einem erfüllten und glücklichen Leben beiträgt. Todd Kashdan empfiehlt sogar, sich eher auf die Hege und Pflege der eigenen Neugier zu konzentrieren, als  verbissen dem großen Glück hinterherzujagen. Dabei beruft sich der Forscher auf amerikanische und europäische Umfragen und Studien, denen zufolge Wissbegierige eine höhere und zugleich dauerhaftere Lebenszufriedenheit erleben als andere. Doch warum sorgt ein wissenshungriger Geist für ein relativ konstantes, anhaltendes Glücksgefühl? Möglicherweise setzen sich solche Menschen besonders intensiv mit ihrer Umwelt auseinander und fühlen sich in der Folge stärker mit ihr verbunden – was wiederum ihr Wohlbefinden erhöht. 

3) Neugier weckt die Lernmotivation

und hilft, sie aufrechtzuerhalten. Das hat Sophie von Stumm vom Goldsmiths College der University of London beobachtet. Die Psychologin wertete, gemeinsam mit Kollegen, für eine Metaanalyse 200  Studien zum Thema aus. Die Untersuchungen umfassten rund 50.000 Freiwillige. Das Ergebnis: Wer neugierig ist, lernt besser. Denn Wissensdurst sorgt unter anderem dafür, dass man aufmerksamer bei der Sache ist. Und selbst wer abgelenkt wird, kehrt rascher und leichter wieder zu einer Aufgabe zurück, auf die er gespannt ist. „Der Wissenshunger ist ein Motor für das Lernen und für die Akkumulation von Wissen“, summiert von Stumm. Matthias Gruber von der University of California zeigte in einem weiteren Versuch: Sind Menschen gespannt und interessiert, ist das Gehirn besonders aufnahmebereit. Es speichert sogar neue Informationen, die für die aktuelle Aufgabe gar nicht wichtig sind. Grubers Arbeit könnte verstehen helfen, warum wissbegierige Menschen grundsätzlich mehr Informationen aufnehmen als andere – egal ob sie einem Vortrag lauschen oder durch die Stadt schlendern.

4) Schon im Kindesalter

beflügelt Neugier die geistige Entwicklung, wie Paul Silvia von der University of North Carolina at Greensboro in Langzeitstudien beobachtet hat. Vielleicht liegt das daran, dass neugierige und in ihrer Neugier geförderte Kinder mehr erfahren und mehr über das Erfahrene nachdenken als ihre Altersgenossen, vermutet der  Psychologe. So stärken sie ihre analytischen Fähigkeiten, hinterfragen Dinge und wenden neues Wissen auf altes an. Diese Fähigkeiten spiegeln sich langfristig in IQ-Tests wider. Silvia sagt: „Wir beobachten bei Neugier und Intelligenz eine Wechselbeziehung: Neugier fördert Intelligenz, Intelligenz fördert Neugier.“

5) Man bleibt jung,

wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht. Die Zürcher Therapeutin Anja Grunert betont: „Neugier zuzulassen kann einem Jungbrunnen ähneln.“ Eine Untersuchung der amerikanischen Forscher Gary Swan und Dorit Carmelli vom privaten Center for Health Sciences deutet darauf hin, dass sie recht haben könnte. Swan und Carmelli beobachteten den Einfluss von Neugier auf die Lebenserwartung von mehr als 1000 älteren Männern und Frauen. Zu Beginn der Studie waren die Senioren im Schnitt 69 Jahre alt. Die Wissenschaftler testeten, wie wissbegierig die Teilnehmer waren – und setzten diese Ergebnisse mit den Sterbefällen innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren in Verbindung. Wie die Auswertung zeigte, verstarb ein größerer Anteil der wenig interessierten Senioren. Warum?

Möglicherweise unterstützt Neugier eine aktive Lebensweise: Sie könnte wissbegierige Menschen davon abhalten, im Lehnstuhl vor dem Fernseher zu versauern – und sie stattdessen ins Fitnessstudio, zur Volkshochschule oder auf Reisen treiben.

6) Keine Angst vor Veränderungen:

Das Leben ist unsicher – was gerade noch richtig war, kann im nächsten Moment falsch sein. Neugierigen erscheint das weniger bedrohlich, sagt Paul Silvia. Denn Wissbegierige fragen sich: Was kann ich aus einer solchen Umwälzung lernen? Was kann ich mitnehmen? Mit dieser Einstellung gelingt es ihnen, auch belastenden Lebensphasen etwas Positives abzugewinnen. Sie sind eher bereit, sich auf neue Herausforderungen einzulassen. Außerdem haben neugierige Menschen mehr soziale Kontakte, was sie in Krisen stärkt. Darüber hinaus wachsen mit dem Ausleben der Wissbegierde auch die Selbstsicherheit und das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Herausforderungen fertig werden zu können. Man hat es ja bereits viele Male gemacht – und erfolgreich gemeistert.

Anna Gielas

Aus: Psychologie Heute, Ausgabe 5/2015 

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