Kann ich mich ändern?

Die Persönlichkeit ist wandlungsfähiger, als die Forschung lange glaubte. Aber wer sich selbst verändern will, muss sich neuen Aufgaben stellen

Eine Veränderung der Persönlichkeit ist oft das Ergebnis eines tiefgreifenden Wandels im Leben. Ansonsten braucht es dafür andauerndes Engagement. © Marianna Gefen

Kann ich mich ändern?

Unsere Wesenszüge sind nicht in Stein gemeißelt. Die Persönlichkeit ist wandlungsfähiger, als die ­Forschung lange glaubte. Das heißt aber nicht, dass wir auf Knopfdruck ein anderer Mensch werden können. Wer sich verändern will, muss sich in ­seinem Leben neuen Herausforderungen stellen

Wenn Sie auf die vergangenen zehn Jahre Ihres Lebens zurückblicken: Haben Sie dann das Gefühl, sich verändert zu haben? Wahrscheinlich fällt Ihnen sofort eine Eigenheit ein, die Sie über die gesamte Zeit beibehalten haben, Ihre Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Menschen vielleicht oder Ihr Tatendrang. Sehr wahrscheinlich empfinden Sie aber auch viele Unterschiede, sind jetzt vielleicht weniger leicht aus der Ruhe zu bringen oder weniger risikofreudig.

Denken Sie nun an die kommenden zehn Jahre: Wie sehr werden Sie sich vermutlich verändern? Erwarten Sie, dass Sie verschlossener werden oder gemütlicher, aufbrausender oder abenteuerlustiger? Wenn Sie weniger Veränderungen für die nächsten zehn Jahre erwarten, als Sie in den letzten zehn Jahren an sich beobachteten, dann geht es Ihnen wie den meisten Menschen.

Wir unterschätzen vor uns liegende Veränderungen

Dieser Effekt mit dem Namen end of history illusion wurde von einem Team um Daniel Gilbert von der Harvard-Universität beobachtet. Er beschreibt die verbreitete Illusion, dass Menschen dazu tendieren, zu glauben, sie hätten sich in der Vergangenheit zwar maßgeblich verändert, in der Gegenwart aber einen Endpunkt in ihrer Entwicklung erreicht. Wir unterschätzen also vor uns liegende Veränderungen.

Denn tatsächlich ist unsere Persönlichkeit nicht in Stein gemeißelt. Sie ändert sich. Selten von jetzt auf gleich und selten von einem Extrem zum anderen, aber eben auch selten gar nicht. Denn die Situationen, die wir erleben, wirken auf uns zurück. Die Menschen, auf die wir treffen, prägen uns ebenso, wie wir unsere Mitmenschen prägen. Und unser Lebensweg eröffnet uns weitere Chancen und Herausforderungen, die uns verschlossen oder von denen wir verschont geblieben wären, hätten wir einen anderen Weg eingeschlagen.

Offen für neue Erfahrungen

Können wir diese Veränderlichkeit der Persönlichkeit nutzen, um uns selbst im eigenen Sinne zu verändern? Eine Möglichkeit für eine gezielte Persönlichkeitsveränderung ist, sich Herausforderungen zu stellen, von denen man weiß, dass sie die gewünschte Veränderung zur Folge haben.

Zum Beispiel wurde in einer Studie ermittelt, dass junge Männer, die Zivildienst leisteten, durch diese Tätigkeit verträglicher und umgänglicher wurden als Gleichaltrige, die dies nicht taten. Vermutlich lassen sich solche Veränderungen auch bei einem freiwilligen sozialen Jahr finden. Forscher haben ferner ermittelt, dass Studierende, die einen Teil ihres Studiums im Ausland verbrachten, auch in ihrer Persönlichkeit aufgeschlossener wurden: Sie hatten dann höhere Werte auf der Skala „Offenheit für neue Erfahrungen“ (siehe den Kasten rechts). Überhaupt gilt das Studium nicht nur als Phase des Lernens, sondern verfolgt idealerweise auch das Ziel der Persönlichkeitsentwicklung. Und tatsächlich geht ein Studium im Durchschnitt mit einem Zuwachs an Verträglichkeit einher.

Starker Druck ist nötig

Drei Voraussetzungen für eine Persönlichkeitsveränderung formulieren die amerikanischen Forscher Avshalom Caspi und Terrie Moffitt von der Duke-Universität in ihrer „paradoxen Theorie der Persönlichkeitskohärenz“. Zum einen muss die neue Lebenssituation mit dem starken Druck einhergehen, sich zu verhalten, also aktiv zu werden, anstatt passiv zu verharren. Eine neue Situation ist vor allem dann prägend, wenn man nicht nur beobachtend lernt, sondern einen aktiven Part übernimmt, learning by doing sozusagen.

Die Abkehr von vorherigen Gewohnheiten ist eine zweite Bedingung, um eine Persönlichkeitsentwicklung anzustoßen. Es muss klar sein oder zumindest schnell deutlich werden, dass bisherige Verhaltensmuster in der neuen Lebenssituation nichts mehr taugen. Beispielsweise kann sich eine Person während ihres freiwilligen sozialen Jahrs offensichtlich nicht so verhalten wie noch zu Schulzeiten.

Und schließlich ist die dritte Bedingung für eine Veränderung der Persönlichkeit nach Auffassung von Caspi und Moffitt, dass man in dieser neuen Situation relativ gut weiß, was von einem erwartet wird – entweder weil die Anforderungen klar kommuniziert werden, oder weil man selbst ein detailliertes Konzept davon hat. Gelingt uns die Anpassung, wird uns das verstärkend zurückgemeldet, zum Beispiel durch konkretes Feedback von anderen Menschen oder über Erfolgserlebnisse bei der Bewältigung der uns gestellten Aufgaben.

In unklaren Situationen verfallen wir in Routine

Stellt sich jemand jedoch Herausforderungen, bei denen nicht klar ist, wie diese am besten bewältigt werden können – welche Denk- und Verhaltensweisen also förderlich wären oder angemessen sind –, dann würden Caspi und Moffitt keine Persönlichkeitsveränderungen erwarten. Im Gegenteil: Sie sagen für diese Fälle eine Verfestigung der bisherigen Persönlichkeit voraus. Das liege daran, dass die Persönlichkeit mit tausendfach erprobten, perfekt verinnerlichten Verhaltensgewohnheiten ausgestattet sei, die vollautomatisiert ablaufen. Befinden wir uns also in mehrdeutigen, an keine klaren Vorgaben geknüpften Situationen, dann spult unsere Persönlichkeit einfach ihr gewohntes Repertoire ab.

Nehmen wir an, eine Person sei zu verschlossen, um zeitweilig in fremden Kulturen zu leben. Wenn diese Person ihre Offenheit für Neues steigern möchte, dann könnte sie sich gezielt entsprechenden nichtnormativen Ereignissen stellen. Sie könnte etwa einen längeren Auslandsaufenthalt planen und so ihrer Persönlichkeitsentwicklung einen Impuls geben.

Nicht immer wird das in starke Veränderungen münden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch wird das Repertoire an Denk-, Fühl- und Verhaltensmustern dadurch erweitert. Auch im späteren Leben kann dann auf einem breiteren Erfahrungsschatz aufgebaut werden, denn die Persönlichkeit ist höchstwahrscheinlich anpassungsfähiger geworden.

Gleichzeitig erweitert die Erfahrung den Horizont, insbesondere wenn sie nicht im Einklang mit der vorherigen Persönlichkeit stand. Denn vielleicht schlummert in vorher übersehenen Lebenswegen ja ein Glück, das man verpasst hätte, wäre man immer nur man selbst geblieben …

Wie uns der Beruf verändert

Berufliche Lebensereignisse wirken sich vor allem auf die Gewissenhaftigkeit und die emotionale Stabilität aus (siehe Seite 21). Diese beiden Persönlichkeitszüge werden gestärkt, wenn eine Person ihren Schulabschluss macht, ihren ersten Job beginnt und befördert wird, also bei Lebensübergängen, die mit beruflichem Fortschritt verbunden sind. Bei Beginn einer Arbeitslosigkeit und beim Übergang in die Rente sinkt dagegen die durchschnittliche Gewissenhaftigkeit wieder.

Aber auch andere Persönlichkeitsmerkmale ändern sich bei beruflichen Übergängen. Zum Beispiel steigt die Offenheit für neue Erfahrungen durch eine Beförderung, sie sinkt jedoch, wenn man arbeitslos wird. Und sie entwickelt sich häufig in Reaktion auf einen Jobwechsel – jedoch in unterschiedliche Richtungen, je nach Job. Ähnlich ist es mit der Ex­traversion: Ein eloquentes, heiteres und bestimmtes Auftreten, wie es extravertierten Personen eigen ist, scheint eben in einigen Berufen mehr als in anderen gefordert zu sein.

Für Menschen, die ihre Persönlichkeit herausfordern wollen, können dementsprechend Berufe eine Bereicherung sein, die ihrer bisherigen Persönlichkeit zu widersprechen scheinen. Ich selbst bin beispielsweise eine eher schüchterne, zurückhaltende Person und genieße es, Zeit allein ohne großen Trubel zu verbringen und mich lieber mit einzelnen Menschen auf ein Glas Wein zu treffen, als große Partys zu feiern. Ich bin also eher introvertiert als extravertiert. Gleichzeitig stehe ich in meinem Job als Psychologieprofessorin viel in der Öffentlichkeit, gebe während des Semesters fast täglich Lehrveranstaltungen, halte Vorträge und tausche mich mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen aus. Dadurch bin ich heute längst nicht mehr so introvertiert wie früher, habe mich also an die beruflichen Anforderungen angepasst. Dennoch genieße ich es sehr, zwischendurch auch immer wieder längere Arbeitsphasen für mich zu haben, beispielsweise beim Schreiben eines Artikels oder Buches.

Man kann auch zu gründlich sein

Dass das Berufsleben sehr unterschiedliche Anforderungen an uns stellt, habe ich kürzlich zusammen mit Jaap Denissen und weiteren Kollegen in einer Studie untersucht. Wir wollten herausfinden, ob es ein Persönlichkeitsprofil gibt, das generell mit Berufserfolg einhergeht. Das Merkmal Gewissenhaftigkeit – hohe Selbstdisziplin, Gründlichkeit und Pflichtgefühl – steht beispielsweise im Verdacht, sich auf sehr unterschiedliche Karrieren förderlich auszuwirken. Unsere Studie zeigt jedoch, dass Menschen, die gewissenhafter sind, als es ihr Job erfordert, in diesem letztlich sogar weniger erfolgreich sind als weniger gewissenhafte Personen. Vielleicht sind sie dann einfach zu gründlich für ihre Aufgaben.

Ähnlich ist es bei der Verträglichkeit und der Offenheit für neue Erfahrungen: Es gibt keine generell ideale Persönlichkeit, sondern unterschiedliche Persönlichkeitsausprägungen zahlen sich für unterschiedliche Jobs unterschiedlich gut aus. Das gilt sogar im wortwörtlichen Sinne: Beispielsweise liegt das Jahreseinkommen einer Person um 3000 bis 4000 Euro höher, wenn ihre Verträglichkeit oder Offenheit für neue Erfahrungen mit den Anforderungen des Jobs zusammenpasst, als wenn sie davon abweicht.

Es gibt also für sehr unterschiedliche Persönlichkeitsprofile jeweils die perfekten Jobs. Dieses Wissen können wir zum einen dafür nutzen, unser Berufsleben so zu gestalten, dass es zu unserer Persönlichkeit passt. Gleichzeitig können wir dieses Wissen aber natürlich auch als Herausforderung nutzen, um in einer beruflichen Nische, die bisher noch nicht zu unserer Persönlichkeit passt, zu wachsen.

Wir und unsere Beziehungen

Auch in unserem Sozialleben können wir Persönlichkeitsveränderungen provozieren, wenn auch weniger stark, als vielleicht vermutet, und oftmals auch in eine andere Richtung, als ursprünglich gedacht. So scheint es naheliegend, wenn ein so einschneidendes und emotional aufwühlendes Ereignis wie eine neue Liebesbeziehung unsere Persönlichkeit prägt. Tatsächlich zeigt die Forschung, dass sich die emotionale Stabilität durch das Eingehen einer Partnerschaft erhöht, ebenso durch eine Hochzeit.

Während das noch nachvollziehbar sein mag, ist es doch überraschend, dass sich die Verträglichkeit mindert, wenn Menschen eine Partnerschaft oder Ehe eingehen: Die Partner sind danach also meist etwas weniger freundlich, höflich, umgänglich. Vielleicht ist der Druck nun einfach nicht mehr so groß, sich von der Schokoladenseite zu zeigen? Für diese Annahme spricht, dass sich die Verträglichkeit nach einer Trennung oder Scheidung wieder erhöht. Für die Chance, auf dem Partnermarkt eine gute Figur zu machen, ist das sicherlich von Vorteil.

Ebenso vorteilhaft für eine stabile Beziehung ist die oftmals sinkende Offenheit für neue Erfahrungen bei der Hochzeit. Auch dieser Prozess kehrt sich dann allerdings wieder um, wenn die Beziehung zerbricht, die Partner also wieder getrennte Wege gehen.

Nun wird wohl niemand ernsthaft eine Beziehung beginnen oder beenden, um damit die eigene Persönlichkeit zu gestalten. Und doch kann eine romantische Beziehung auch immer ein Anstoß für eine Persönlichkeitsveränderung sein, weil sie unseren Alltag, unser Denken, Fühlen und Verhalten beeinflusst. So wird aus einem Kunstmuffel plötzlich eine begeisterte Theatergängerin, die sich gegenüber Anregungen und neuen Erfahrungen öffnet. Eine Beziehung oder Freundschaft hat also das Potenzial, versteckte oder fast vergessene Persönlichkeitsmerkmale aufleben zu lassen und zu verstärken.

Was uns nicht umbringt ...

Nietzsche setzte die Binsenweisheit in die Welt, was uns nicht umbringe, mache uns stärker. Ein Trugschluss, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Denn einschneidende negative Lebensereignisse haben vor allem eines gemeinsam: Sie senken im Durchschnitt die emotionale Stabilität und fördern die Ängstlichkeit, das häufige Sorgen und Gedankenkreisen, Stimmungsschwankungen und Traurigkeit.

Die Idee hinter der falschen Annahme, negative Ereignisse würden sich positiv auf uns auswirken, ist, dass Menschen mit einem glücklichen, reibungslosen Leben zu oberflächlich seien. Diejenigen, die mit voller Wucht die Schattenseiten des Lebens erfahren haben, gingen aus der Krise mit Tiefgang und Reife hervor. In der psychologischen Forschung wird diese Annahme unter dem Begriff „posttraumatisches Wachstum“ untersucht.

Nachgewiesenermaßen kann es Menschen gelingen, sich von schweren Schicksalsschlägen wie etwa dem Tod eines geliebten Menschen zu erholen – auch wenn dieser Prozess viel Zeit braucht. Eine Bewältigung kann zum Beispiel gelingen, indem ein Mensch sein Leben und die Dinge, die ihm mehr oder weniger wichtig sind, neu bewertet. Personen, die das Gefühl haben, an einem Schicksalsschlag gewachsen zu sein, berichten, dass sie nun die kleinen Dinge des Alltags schätzen gelernt haben und sich auf die wichtigen Dinge in ihrem Leben konzentrieren können.

Tatsächlich gelingt es vielen Menschen, nach einem Schicksalsschlag ein Gefühl von Wachstum zu empfinden oder dem Erlebten einen tieferen Sinn zu geben. Dies ist oftmals ein Indiz für einen erfolgreichen Bewältigungsprozess. Wir wissen zurzeit jedoch noch zu wenig darüber, wie diese Menschen vor dem Trauma dachten und fühlten, wie ihre Persönlichkeit also vor dem Ereignis ausgeprägt war.

Nach einer Lebenskrise werden viele vorsichtiger

Was wir jedoch wissen, ist, dass sich die Persönlichkeit im engeren Sinne in Reaktion auf ein einschneidendes negatives Ereignis eher in eine Richtung entwickelt, die man gemeinhin nicht mit Persönlichkeitsreifung verbindet. Zum Beispiel werden viele dieser Menschen ängstlicher und emotional weniger belastbar. Doch vielleicht ist diese Entwicklung ein Zeichen von Anpassung: In einer Lebenskrise bleibt es oft nicht bei einem Tiefschlag, sondern es folgen weitere. Insofern kann eine höhere Ängstlichkeit auch zu mehr Vorsicht führen und somit schlimmen Ereignissen vorbeugen.

Letztlich bleibt jedoch festzuhalten, dass es einer Person leichterfallen wird, ihre Persönlichkeit an die Lebenssituation und die gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen, wenn sie ein glückliches statt ein überschattetes Leben führt. Ihr wird es im Durchschnitt auch leichterfallen, neue herausfordernde, aber bewältigbare Situationen aufzusuchen und ihre Persönlichkeit damit weiterzuentwickeln.

Die Persönlichkeit tunen?

Es wäre natürlich viel bequemer, wenn man sein altes Leben behalten und dennoch seine Persönlichkeit ein bisschen tunen könnte, etwa mithilfe von Interventionen, Coachings und Trainings mit dem Ziel, festgefahrene Verhaltens- oder Denkmuster aufzubrechen und Impulse zur Veränderung zu geben (siehe den Kasten rechts).

Bei einer Psychotherapie ist Persönlichkeitsveränderung zwar nicht das primäre Ziel, aber ein plausibler Begleiteffekt. Dass eine Psychotherapie tatsächlich die Persönlichkeit verändern kann, fand ein Forschungsteam um Brent Roberts von der Universität von Illinois kürzlich in einer umfangreichen Metaanalyse heraus. Sie analysierten über 200 Studien mit mehr als 20  000 Probandinnen und Probanden, in denen unterschiedliche Therapieformen zum Einsatz kamen.

Besonders die emotionale Stabilität stieg durch die Behandlung stark an, und zwar vor allem bei Personen mit einer Angsterkrankung oder Depression. Das ist insofern nicht verwunderlich, als Angst und Depression in enger Verbindung mit diesem Persönlichkeitsmerkmal stehen: Eine geringe emotionale Stabilität geht mit dem Gefühl von Traurigkeit und Niedergeschlagenheit, wiederkehrenden Sorgen und Stimmungsschwankungen einher. Interessanterweise war die gewählte Therapieform für das Ausmaß der Persönlichkeitsveränderung nicht ausschlaggebend. Die Veränderungen, die Roberts beobachtete, waren nicht nur vorübergehend, sondern blieben mindestens ein Jahr nach Therapieende erhalten.

Veränderung dauert und man muss sie wollen

Für zielgerichtete Persönlichkeitsveränderungen bei Personen, die psychisch gesund sind, müssen jedoch offensichtlich andere Interventionsformen genutzt werden als eine klassische Psychotherapie. Marie Hennecke von der Universität Zürich schlug mit ihrem Team drei Voraussetzungen für eine gelingende, zielgerichtete Persönlichkeitsveränderung vor, die für einen langfristigen Erfolg berücksichtigt werden sollten.

Zunächst müssen wir unsere Persönlichkeit überhaupt verändern wollen. Das mag trivial klingen, aber wie bereits deutlich wurde, ist eine Persönlichkeitsveränderung meist das Resultat eines tiefgreifenden Wandels im Leben. Eine Persönlichkeitsveränderung benötigt dementsprechend eine große Portion Commitment, also selbstverpflichtendes und andauerndes Engagement. Eine zweite Voraussetzung ist, dass wir das Gefühl haben müssen, unsere Persönlichkeit tatsächlich verändern zu können. Die dritte Voraussetzung ist die Gewöhnung. Erst wenn es uns gelingt, die gewünschten neuen Verhaltensmuster zu automatisieren und im Alltag selbstverständlich anzuwenden, kommt es zu einer echten Persönlichkeitsveränderung.

Sie sehen: Das ist ein langwieriger Prozess, dessen Erfolg meist erst nach mehreren Jahren absehbar ist. Da die Forschung in diesem Bereich noch am Anfang steht, wissen wir derzeit noch nichts über die langfristigen Effekte solcher Veränderungen oder über damit einhergehende Nebenwirkungen. Wird jedoch etwas so Tiefgreifendes wie die eigene Persönlichkeit verändert, dann müssen die Folgen dieser Veränderung unbedingt beachtet werden. Das ist insbesondere deshalb so zentral, da es nicht „die eine gute Persönlichkeit“ oder „die richtige“ Ausprägung eines Persönlichkeitsmerkmals gibt. Stattdessen ist jede Persönlichkeitsausprägung mal von Vorteil und mal von Nachteil. Unsere Gesellschaft und die Menschheit als Ganzes profitieren von dieser persönlichkeitspsychologischen Vielfalt. Denn Menschen, die unterschiedlich sind, können eine breite Palette von gesellschaftlichen Nischen gestalten und sich gegenseitig ergänzen und bereichern.

Was ist Persönlichkeit?

Glücklicherweise haben wir Angehörigen der Gattung Homo sapiens viel Gemeinsames, Verbindendes. Wir fühlen, denken und handeln ähnlich. Aber wir unterscheiden uns auch. Jeder Mensch ist ein Unikat, und diese Besonderheit macht die Persönlichkeit aus.

Wir haben unterschiedliche Gewohnheiten, Marotten, Motive, politische Haltungen, Werte, Denkstile, Fähigkeiten und Talente. All das umfasst die Persönlichkeit in einem weiteren Sinne. Aber es gibt auch einen Kern der Persönlichkeit, der die überdauernden Wesenszüge eines Menschen beschreibt: Ist er liebenswürdig, ­aufbrausend, still, verzagt, selbstbewusst, verlässlich?

Die vielen Eigenschaftswörter, mit denen wir das ­Naturell von Menschen beschreiben, lassen sich zu übergeordneten Grundachsen der Persönlichkeit ­komprimieren. Die psychologische Forschung hat fünf ­solcher Wesenszüge ausfindig gemacht, die von Person zu Person unterschiedlich stark ausgeprägt sind, die Big Five:

Extraversion mit dem Gegenpol Introversion ist der wohl bekannteste Persönlichkeitszug. Extravertierte Menschen sind gesellig, herzlich, fröhlich, aktiv und erlebenshungrig, aber auch durchsetzungsfähig. Introvertierte sind eher still und zurückhaltend, aber nicht zwangsläufig schüchtern.

Neurotizismus. Diese Dimension beschreibt die psychische Stabilität eines Menschen, insbesondere wie ängstlich, reizbar, depressiv, gehemmt, impulsiv und verletzlich sie oder er ist – und wie anfällig oder robust gegenüber Stress.

Verträglichkeit ist ein Wesensmerkmal, das im sozialen Miteinander hervorsticht. Verträgliche Menschen sind vertrauensvoll, freimütig, selbstlos, entgegenkommend, bescheiden und gutmütig. Weniger Verträgliche nehmen nicht so viel Rücksicht auf andere.

Gewissenhaftigkeit bildet ab, wie organisiert jemand durchs Leben geht. Personen vom gewissenhaften Typ sind tüchtig, ordnungsliebend, pflichtbewusst, strebsam, selbstdiszipliniert und besonnen. Weniger Gewissenhafte lassen sich stärker treiben.

Offenheit beschreibt die Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen, nämlich für Fantasien, ästhetische Experimente, Gefühle, Taten, Ideen, Normen und Werte. Offene Menschen schätzen kulturelle und intellektuelle Anregungen, weniger offene halten lieber am Gewohnten fest.

Die Big Five sind über den Lebensweg hinweg ziemlich stabil, aber nicht starr. Sie verändern sich vergleichsweise stark von der Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter. Aber auch ab 30 sind sie längst nicht so wandlungsresistent, wie man lange glaubte, und mit Eintritt ins Rentenalter kommt bei gar nicht so wenigen Menschen in ihrer Persönlichkeit sogar noch einmal einiges in Bewegung.

TSA

Worin ich gerne anders wäre

Persönliche Veränderungswünsche – und was die Expertin dazu sagt

In einer kleinen Umfrage auf Facebook ging es um die Frage: „Was würden Sie gerne an sich verändern?“ Es kam eine Reihe interessanter Antworten. Einige davon haben wir unserer Autorin, der Persönlichkeitspsychologin Jule Specht vorgetragen und sie um einen Kommentar gebeten.

„Ich wäre gerne konsequenter im Umsetzen meiner Vorhaben.“

Da geht es um den Faktor Gewissenhaftigkeit (siehe Seite 21). Also um die Frage: Wie gut kann ich kurzfristigen Impulsen widerstehen? Wie gut kann ich langfristige Ziele verfolgen? Und die Forschung zeigt tatsächlich: Gewissenhaftigkeit verändert sich. Sie wird größer, wenn man ins Berufsleben einsteigt. Sie nimmt ab, wenn man in Rente geht. Kann man Gewissenhaftigkeit gezielt verändern? Da sind wir in der Forschung noch ziemlich am Anfang. Im Coaching würde man versuchen, die Sache herunterzubrechen. Man würde also fragen: In welcher Situation genau möchte ich denn konsequenter sein? Wie sieht diese Situation konkret aus? Wie genau verhalte ich mich da? Und wie würde ich mich stattdessen gern verhalten? Man würde also nicht alle Aspekte gleichzeitig in Angriff nehmen, sondern sich einen sehr spezifischen aussuchen, an dem man arbeiten will.

„Ich würde mir gerne weniger Sorgen machen.“

Das ist die emotionale Stabilität, die da angesprochen wird. Personen, die emotional wenig stabil sind, neigen dazu, sich häufig Sorgen zu machen. Diese Dimension ist eng verknüpft mit psychischer Gesundheit und subjektivem Wohlbefinden. Der Wunsch, emotional stabiler werden zu wollen, ist also gut nachzuvollziehen. Andererseits unterschätzen viele, dass eine etwas niedrigere emotionale Stabilität eine durchaus sinnvolle Eigenschaft sein kann. Denn wer sich mehr Sorgen macht, überlegt viel intensiver, was an einer Situation möglicherweise schiefgehen kann. Also fängt man an, sich genauer darauf vorzubereiten, und meistert die Sache vielleicht besser als jemand, der alles sorglos auf sich zukommen lässt. Wenn man sich jedoch ständig Sorgen macht, kann man Unterstützung in einer Psychotherapie suchen. Studien zeigen, dass sich der Hang zu Sorgen und die emotionale Stabilität durch eine Therapie erheblich verbessern.

„Ich hätte gerne meine Toleranz zurück. Meine offene Art Menschen gegenüber. Ich würde gerne anderen Menschen wieder so unvoreingenommen begegnen wie als Kind.“

Da geht es um das Persönlichkeitsmerkmal, das wir in der Psychologie „Offenheit für neue Erfahrungen“ nennen. Dieses Merkmal sinkt im Verlauf des Lebens – nicht bei allen, aber bei den meisten Menschen. Wenn man diese Dimension erhöhen möchte, empfehle ich, die eigene Toleranz häufiger auf die Probe zu stellen. Etwa indem man ins Ausland geht – wenn man die Chance dazu hat. Oder man begibt sich gezielt an Orte oder in Stadtteile, in denen man ansonsten nicht unterwegs ist; man unterhält sich mit Leuten, mit denen man ansonsten nicht redet. Dann wird man sehen: Okay, dieser Mensch ist manchmal anderer Meinung als ich, aber trotzdem ein netter Kerl. Und möglicherweise macht einen das insgesamt wieder ein wenig offener.

„Ich würde gern ein bisschen mehr zuhören und ein bisschen weniger reden.“

Da geht es um die Extraversion, und die genannte Person wünscht sich offenbar weniger davon. Das ist eher ungewöhnlich. In einer unserer Studien haben wir nämlich gesehen, dass die allermeisten Menschen gerne extravertierter wären – auch wenn das gar nicht immer so sinnvoll ist. Die Person, die diesen Wunsch geäußert hat, ist vermutlich beliebt, hat einen großen Freundeskreis, ist gesellig, fröhlich, kann andere mitreißen. Aber sie merkt auch: Moment mal! Wenn ich die ganze Zeit im Mittelpunkt stehe, dann geht mir ja etwas verloren. Ich sollte den anderen mehr Aufmerksamkeit schenken! Und das zeigt: Jede Eigenschaft hat Vor- und Nachteile. Und ich würde mir wünschen, dass Menschen das für sich akzeptieren, anstatt jetzt zu sagen, wir müssen uns alle optimieren, damit wir alle total extravertiert oder gewissenhaft werden.

Umfrage und Interview: Jochen Metzger

Jule Specht ist Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie forscht unter anderem zur Persönlichkeitsentwicklung im Erwachsenenalter und den Ursachen und Konsequenzen des subjektiven Wohlbefindens

Üben, üben, üben!

Lässt sich Persönlichkeitsveränderung trainieren?

Fast alle Menschen wären gerne anders, als sie sind. Laut einer Tagebuchstudie der US-Psychologen Nathan Hudson und Brent Roberts möchten 87 Prozent weniger ängstlich oder souveräner im Umgang mit anderen Menschen sein. Und sogar 97 Prozent wünschen sich mehr Gewissenhaftigkeit. Sind derlei Wünsche realistisch? Genügt womöglich ein Coaching oder ein Selbsthilfeprogramm? Die wenigen Studien dazu sind relativ neu und berichten von sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Nicht immer kam es zu überdauernden Persönlichkeitsveränderungen.

Vielversprechend klingt ein vierstufiger Ansatz, den jetzt die Psychologen Mathias Allemand und Christoph Flückiger von der Universität Zürich entwickelt haben. Wünscht sich ein Klient zum Beispiel, offener für Neues zu werden, so übt er im ersten Schritt zu erkennen, wie sich Wunsch und Wirklichkeit bislang noch unterscheiden: „Könntest du ein Brainstorming für all die Situationen machen, in denen sich zeigt, dass du nicht offen genug für neue Erfahrungen bist?“ Man pickt sich danach eine dieser Situationen heraus und fragt: „Wie würdest du dich in dieser konkreten Situation idealerweise verhalten? Was ist daran schwierig? Was fehlt dir, um dich genau so verhalten zu können?“ Dieser Schritt erhöht die Motivation, wirklich etwas an sich ändern zu wollen. Man spürt den Schmerz, die Dringlichkeit, die hinter dem Wunsch zur Veränderung steckt.

Im zweiten Schritt konzentriert man sich auf bereits vorhandene Stärken. Man entdeckt Situationen, in denen man sich schon in der Vergangenheit offen verhalten hat. Was genau war da los? Was hat man dabei gefühlt? Hat man gedacht: „Das war gar nicht so schlimm, wie ich immer befürchtet habe“? Dieser Schritt soll das Selbstvertrauen stärken. Nach dem Motto: „Ich bin ja gar nicht so verschlossen, wie ich immer gedacht habe. Ich kann auch anders.“ Der Glaube wächst, dass Veränderung möglich ist.

Im dritten Schritt geht es darum, die eigenen Erwartungen an eine mögliche Veränderung zu präzisieren: „Welchen Nutzen könnte es dir bringen, in Zukunft offener zu sein?“ Zugleich hilft man dem Klienten, die Motive für seinen Veränderungswunsch zu verstehen: „In welcher Situation hast dich dafür entschieden, offener sein zu wollen?“ Diese Fragen sollen dabei helfen, bekannte Situationen in einem anderen Licht zu sehen. Statt in alte Muster zu verfallen, gewinnt der Klient eine neue Perspektive.

Im vierten Schritt kommt das, was für jede Veränderung gilt, die wir in unserem Leben vornehmen: Wir müssen üben. Innerhalb eines Coachings können das zum Beispiel Rollenspiele sein. Im wirklichen Leben empfehlen Allemand und Flückiger etwa das Schreiben eines Tagebuchs. Was habe ich heute Neues erlebt? Wo habe ich bewusst neue Erfahrungen gesucht? Wie habe ich mich gefühlt? Ergänzend stellt man sich kleine Aufgaben. Man nimmt sich zum Beispiel vor, jeden Tag etwas Neues zu unternehmen und in Kleinigkeiten von seiner üblichen Routine abzuweichen. Und so banal es klingen mag: Für den Anfang kann es offenbar schon genügen, auf dem Weg zur Arbeit eine neue Route zu nehmen.

So werden aus kleinen Schritten langsam Gewohnheiten. Wir bekommen ein neues Bild von uns selbst – und mit der Zeit ändert sich womöglich unsere Persönlichkeit. Zumindest ein bisschen.

Jochen Metzger, Mitarbeit: David Mennekes

Dieser Text ist ein redigierter Auszug aus Jule Spechts Buch Charakterfrage. Wer wir sind und wie wir uns verändern, das ­soeben beim Verlag ­Rowohlt Polaris erschienen ist (256 S., € 14,99)

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